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Überall sind Projekte, nichts geht mehr im normalen laufenden Betrieb. Das ist alles andere als sinnvoll. Es braucht Geld für langfristige Arbeit
Foto: Ole Spata/plainpicture
Von Carla Young
Wenn ich den Begriff Projekt höre, überfällt mich je nach Tagesform eine depressive Verstimmung, eine Fristenpanik oder eine inhaltliche Ermüdung. Ich kann es nicht mehr hören. Alle haben Projekte, überall sind Projekte, nichts geht mehr im normalen laufenden Betrieb. Auch wenn manches davon nervige Rhetorik ist (oder ist ein Kind wirklich ein Projekt?), gibt es eine real existierende strukturelle Projektifizierung. Alles, was Projekt ist, hat ein Ende! Aber passiert vor dem Ende etwas Sinnvolles?!
Nehmen wir ein fast aktuelles Beispiel, bei dem mein Projekthass überraschend hochkam. Die Kritik an den Veränderungen, die Bildungsministerin Karin Prien am Programm „Demokratie leben!“ vorgenommen hat, ist berechtigt, denn Zusagen müssen eingehalten werden. Aber völlig unabhängig von der inhaltlichen Argumentation habe ich innerlich auch eine ganz andere Reaktion: Ja, endlich weg mit all den Projekten! Bezahlen Sie gefälligst endlich die Organisationen langfristig für ihre Arbeit! Projekte werden uns keine stabile Zivilgesellschaft bescheren. Schon mal gar nicht zu einem Zeitpunkt, an dem alle meinen, jetzt müsste man aber mal was machen. Ein Projekt!
Was sind Projekte eigentlich? Projekte sind durch das Bermudadreieck von Kosten, Terminen und Leistungen definiert. Projekte sind also nur temporäre Einrichtungen, und zwar ganz absichtlich. Sie sollen bestimmte Ziele erreichen. Strukturen, die in (zumal öffentlich geförderten) Projekten immer hübsch aufgebaut werden sollen, sind aber keine Ziele. Sie verenden ganz überraschend meistens mit Projektablauf.
Behauptet, angestrebt und wortreich in Projektanträgen vorgeschlagen werden natürlich immer unglaublich langfristig verstetigbare Impulse, die dann etwas „bewirken“. Super, mehr davon!
Aber Geld gibt’s dann halt nicht mehr. Puff! Lieblingsfloskel: Prototyp. Ja, lasst uns mal in Workshops die Zeit von ausgebildeten und motivierten Menschen verschwenden, eine Idee aufschreiben und dann nichts machen! Waren Sie auch schon mal Teil eines solchen Energieverschwendungsprojekts? Projekte sind nicht die richtige Organisationsform für grundlegende soziale Infrastrukturen. Jedenfalls nicht die Billig-und-kurz-Projekte, mit denen Förderer mittlerweile meinen, die Welt verändern zu können. Hier sind 5.000 Euro, aber wir brauchen einen Projektplan von euch! Mit Meilensteinen!
Nehmen wir noch ein Beispiel der Projektinflation. Bei der Gemeinschaftsinitiative Zukunftswege Ost, einem, ähm, Projekt der westdeutschen Stiftungselite für die Rettung der Demokratie in Ostdeutschland, gibt es für die Verwaltung der Mikroförderung Projektleiter, Projektkoordination, Projektmitarbeiter, Projektmanagement. Unter dem geht’s einfach nicht mehr. So ein Projekt hat Ansprüche!
Auf der Empfängerseite gibt’s bis zu 5.000 Euro auf die Kralle für bürgerschaftliches Engagement. Ein Wintermarkt oder ein Co-Working-Space, eine Gemeinschaftsküche und ein Begegnungsort sind dann „Projekte“. Sollen die etwa alle wieder aufhören?! Wer hat hier in Management 101 nicht aufgepasst? Kosten, Termine, Leistungen! Mal ein Vorschlag zur Güte.
Statt insgesamt 1.5 Milliönchen in Mikroprojekte zu vergießkannen, wie wär’s stattdessen mit einer anständigen Überweisung aus den über 100 Milliarden Euro Stiftungsvermögen an zivilgesellschaftliche Organisationen im Osten? Sozusagen zur Selbstverwaltung statt zur Projektgönnerei?
Der Fetisch der Projektförmigkeit war nämlich nicht immer da. Es ist eine Erscheinung der Flexibilisierung in der Produktion, die in den 80er Jahren das Experimentieren mit neuen Koordinations- und Organisationsformen brachte. Und eben „Outsourcing“, das Einkaufen von Leistungen, die dann eben nur manchmal abgerufen werden, oder die Forschung und Entwicklung im (förderfähigen) Projektformat.
Die Koordinationsform des Projekts passt ganz wunderbar zur Marktförmigkeit: Alle naselang muss neu entschieden werden, wer den Zuschlag bekommt. Ständiger Wettbewerb um Projektgelder, ständige Antragsprosa, alles bleibt spannend, immer alles ein bisschen neu. Hier soll es sich keiner bequem machen! Wir sind dynamisch, und Veränderung ist immer gut!
Dass Menschen in Forschung und Sozialsektor mittlerweile gut ein Viertel ihrer wertvollen Lebensenergie in das Beantragen von Projekten stecken müssen, von denen die allermeisten per Definition nichts werden, ist deprimierend. Doch Organisationsstruktur wäre nicht sie selbst, wenn sie nicht auch unser Handeln ändern würde.
Wir sind ja nicht blöd. Wir passen uns an. Komm, lass uns einfach das letzte Projekt recyceln, da sind wir ja eh nicht fertig geworden. Nee, wir kalkulieren das jetzt ein bisschen knapper, du weißt doch, soundso haben den und den Satz, da müssen wir darunterbleiben. Damit müssen dann die Studis klarkommen, die wir befristet einstellen.
Aber da müssen wir jetzt noch ’ne Innovation mit Impact einbauen. Wollen die ein Wirkungsmodell? Angst, Unsicherheit, Mittelmäßigkeit, Arschlosigkeit. Das Projekt ist nicht neutral. Das Projekt ist böse! Es ist der wahr gewordene Markt. Und zwar mittlerweile in Räumen und Feldern, in denen der Markt nichts zu suchen hat, weil sie eigentlich nach einer anderen Logik produzieren.
Vielleicht entlang von spontaner Kreativität oder von Entdeckung. Oder von Vertrauensbildung und Beziehungspflege. Diese Logiken passen nicht ins Projekt. Für jedes Projekt wird das Blaue von Himmel erfunden und versprochen. Die soziale Infrastruktur ist aber das Grüne vom Gras.
Es muss sich dauerhaft und unterbrechungsfrei entwickeln können. Vertrauen in eine gemeinsame Zukunft statt Fristenpanik! Es wird Zeit, die Projektförderung als Organisationsform der Wahl in immer mehr gesellschaftlichen Handlungsfeldern zu überdenken. Oder wie sagt man heute in Projektparlance? Projekte sind leider nur: nice to have.
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