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Hörst du die Stille?

Im Reich der Pilze ist noch ein Lebenshauch vorhanden. Ein Blick über den Waldesrand

Der Vater Wald als Sammelplatz der Stille hat viele Kinder. Die kleine Schonung, den dunklen Hochwalddistrikt, das lauschige Bachtal, die vergessene Waldwiese, die lichte Schneise, den sturmbedingten Kahlschlag, den ambivalenten Waldrand.

Gerade dort, am Waldrand, wo sich die Sonne immer erst daran gewöhnen muss, dass ihre Strahlen nicht mehr ungehindert überall hin langen, dort entstehen oft interessante Kleinstbiotope. Und die Fauna hat sich bald mit den neuen Gegebenheiten arrangiert. Im verbeulten Emailletopf unter der faulichten Matratze richtet Familie Waldmaus ihr Domizil her, und einer der wenigen Sonnengrüße bricht sich auf der gleißenden Pupille des Eichhörnchens, das eben seinen Morgenbummel zum kurzen Verschnaufen auf einem unreinen Stück Herrenunterwäsche unterbrechen will.

Doch der Friede trügt. So wird es wohl eher sein, dass des Eichhörnchens Auge gerade im schmerzlichen Aufblitzen begriffen ist. Unverhofft kühn war sein Nippen am neuen, munter rieselnden Rinnsal. Dessen Quelle heißt Altölkanister vom Bauer Herrmann. Das Behältnis war umgekippt, weil die Waldmausrangen zu übermütig darauf geturnt hatten. Die Strafe für die kleinen Plagegeister folgt auf dem Fuß, als sie eine Spur zu neugierig an den Autobatterien nagen und nun die beschaulich träufelnde Säure ihr unerbittliches Werk an den winzigen Mäusefüßlein verrichtet. Was da für ein klägliches Piepsen ist. Das Eichhörnchen hat dafür kein Ohr. Es fühlt sein Ende nahen, hat sich zum Hinschied unter den schattigen Hut des stolzen Parasolpilzes geschleppt und an den holzig-genatterten Stiel mit der praktisch verschiebbaren Doppelmanschette gelehnt. Noch einmal lässt es sein Leben flirrend vorm inneren Auge Revue passieren. Matt saugt es den würzigen Duft des Pilzes ein. Und eine Made lugt keck zwischen den Lamellen hervor.

Auf einmal hebt ein Wanken an. Geht die ganze Welt mit mir zugrunde?, mag sich der putzige Geselle fragen, doch es ist Mutter Waldmaus, die, von den Sterbeschreien ihrer kleinen Lieblinge alarmiert, den elastischen Parasolhut als Trampolin nutzt. Das schöne hellgraubeige Farbspiel mit den braunen fransigen Flocken oben drauf, in die Mitte ein Buckel getupft, wie er die Wikingerschilde ziert, das ist ihr im Augenblick völlig egal. Nächste Station im flinken Dreisprung ist die zartbraune Erdkröte, die seit gestern Abend eines ihrer Beinchen vergeblich aus der sämigen Teerlache zu zerren versucht, nachdem sie von ihrem Parasolstuhl gerutscht war. Schon ist auch das Jammern der Mäuslein verstummt, während der Sprung der Mäusemutter durch einen verhängnisvollen Fehler in der Berechnung ihrer Flugbahn an der rostigen Spitze einer jäh hochgeplatzten Matratzenfeder ihr vorzeitiges Ende findet. Pffft, entweicht dem Felltierchen der Lebenshauch. Ja, so geht’s, denkt das Eichhörnchen weise und bereut ein letztes Mal, dass es sich nicht rechtzeitig mit den feschen Burschen von der Nachbarmüllkippe eingelassen hat. Was bleibt nun von mir ohne Nachwuchs?, blitzt es im kleinen Eichhornhirn, bevor ein letztes Rucken durch den weichen Körper drückt, wo Bauer Herrmanns Öl in Windeseile die Innereien zu Unaussprechlichem transfomiert, und der große Bruder des Schlafes die Augen ihm sanft zudrückt. Für immer.

Von all dem ahnt der Sammler nichts, wenn er wenig später suchend über den Unratberg stiefelt. Die ewig emsige Waldameisenpolizei hat längst wieder Reinschiff gemacht. Nur der große Parasol ist darüber alt und zäh geworden. Das weiß auch der Sammler, der sowieso lieber die keck ihre Mikrofonköpfe durch den Moder bohrenden jungen Nachfolger abschneidet und, eine lustige Werbemelodie pfeifend, verschwindet. Bevor der marode Stiel des Parasolseniors unter der Last seines würmerprallen Hutes nachgibt.

Stille, wohin man blickt.

MICHAEL RUDOLF

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