: Höher, bunter – und weiter?
■ Merci Vielfalt! Eher verwirrend gestaltet sich die neue „Libé“
Große Neuerungen fordern ihren Tribut: Die französische Tageszeitung Libération, die am Montag völlig umgemodelt auf den Markt kam, tat das mit stundenlanger Verspätung. Die „unabhängige Morgenzeitung“ erschien – fünf Zentimeter höher, im Farbdruck, mit zahlreichen neuen Rubriken und immerhin 80 Seiten – erst am Nachmittag. Die Elektronik-Pannen verzögerten den Druck der neuen Hauptstadt-Beilage „Metro“ auch noch gestern.
Zur Entschädigung hielten die NachmittagsleserInnen zum alten Preis ein kaum wiedererkennbares Produkt in Händen. Dessen ungewohnte Höhe von jetzt 31 Zentimetern macht die Lektüre in der U-Bahn zum Balanceakt. Das neue hohe Format ist der dernier cri im französischen Layout: Vor kurzem führte es schon die Wochenzeitung Courrier International ein. Die beiden Blätter überragen nun am Kiosk die Konkurrenz – und haben entschieden mehr Platz, um die erwarteten großformatigen Anzeigen redaktionell einzubetten.
Neben einer jetzt kleineren Schrifttype, viel mehr und viel kleineren Fotos, einer verwirrenden Vielfalt von Spaltenbreiten und eher schwächlichen Farbtönen sind die LeserInnen der neuen Libé mit einem schier unübersehbaren Themenangebot konfrontiert. Statt einer Titelseite hat die neue Libé zehn davon, die jeweils einem Ressort entsprechen – von „Welt“, über „Frankreich“ bis hin zu „Wirtschaft“. Jedes Ressort kündigt auf einem eigenen Titelblatt mit – meist bebilderten – Schaufenstern seine Themen an.
Wie im Supermarkt den richtigen Gang, müssen LeserInnen nun erst einmal die Titelseite des gesuchten Ressorts suchen. Quer durch das Blatt ziehen sich Kurzportraits und skurrile Nachrichten. Die neue Libé spricht den Hausmann (Waschmitteltest) ebenso an wie die Nachtschwärmerin (ausführliches tägliches Ressort mit Spektakelhinweisen) und den Autofahrer (Tabellen und Planzeichnungen, die das zu erwartende Verkehrsaufkommen für die Hauptstadt zeigen).
Die 1973 von Jean-Paul Sartre und anderen linken Intellektuellen gegründete Zeitung war eines der frühen Vorbilder der taz. 1981, als der einstige Maoist, Chefredaktuer Serge July, Libération erstmals radikal „modernisierte“, trennten sich allerdings die Wege: Seit der Präsidentschaftswahl von François Mitterrand im Jahr 1981 ging Libé eine enge Beziehung mit den sozialistischen MachthaberInnen ein. Vom Pflichtblatt der französischen Linken avancierte die zur Aktiengesellschaft gewandelte Kollektivzeitung zum Muß in Ministerien, Behörden und Aufsichtsräten. Jetzt ist es auch noch bunt. Aus Paris: Dorothea Hahn
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