Hochschulzugang: Uni-Bosse testen Stimmung für Studententests

Berliner Uni-Präsidenten fordern, dass Studieren ohne Abi künftig einfacher werden soll. Doch Kritiker befürchten, dass durch das sozial klingende Anliegen lediglich Uni-interne Zugangsprüfungen salonfähig gemacht werden sollen.

Da ist ja noch Platz: Vorlesung an der Humboldt-Universität Bild: AP

Die Hochschulpräsidenten von Berlin machen sich für das Studieren ohne Abitur stark. Der Präsident der Humboldt-Universität, Christoph Markschies, kündigte am Wochenende an, er wolle mehr Begabte an seine Uni holen, die "durch ihre Lebensgeschichte und ihren familiären Hintergrund keine Chance hatten, Abitur zu machen".

Nach seiner Vorstellung soll ein Auswahlgespräch über die Aufnahme von Nichtabiturienten entscheiden. Auch sein Kollege Dieter Lenzen von der Freien Uni findet, dass es angesichts des Geburtenrückgangs an der Zeit sei, "weitere Zugänge zur Universität zu schaffen". Und Jörg Steinbach, Vizepräsident der Technischen Universität, glaubt: "Mit der akademischen Weiterbildung beruflich Qualifizierter können wir wirksam dem riesigen Arbeitskräftebedarf in den technischen und naturwissenschaftlichen Fächern begegnen." Ganz so revolutionär, wie der Vorschlag klingt, ist er nicht. Denn Studieren ohne Abitur ist längst möglich. Laut Hochschulgesetz dürfen sich Realschulabsolventen, die über eine Ausbildung sowie vier Jahre Berufserfahrung oder einen Meistertitel verfügen, an der Uni bewerben. Nach einem Beratungsgespräch erhalten sie eine zunächst auf zwei Semester befristete Zulassung. Den mühevollen Weg beschreiten bisher weniger als 100 Studierende pro Jahr - im Bundesdurchschnitt relativ viele.

Trotzdem sollen es auch nach dem Willen von Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner mehr Nichtabiturienten an die Unis schaffen. "Mit Blick auf die demografischen und ökonomischen Herausforderungen tun wir gut daran, diese Möglichkeiten auszubauen", sagte er der taz.

Dass Begabtentests gerechter sein sollen als das Abitur, daran haben Kritiker aber Zweifel. Den Uni-Präsidenten gehe es in Wahrheit gar nicht um die Förderung bildungsferner Begabter, vermutet Anja Schillhanek, hochschulpolitische Sprecherin der Grünen. Unter dem Deckmantel sozialer Gerechtigkeit würden andere Ziele verfolgt. "Besonders HU-Präsident Markschies benutzt das Thema nur, um die universitäre Eignungsprüfung salonfähig zu machen."

Dass Unitests künftig für die Studieneignung mehr zählen sollten als das Abitur, hält sie für verfassungswidrig -und für sozial ungerecht. "Die bisherige Erfahrung mit solchen Tests zeigt, dass sie eben nicht den bildungsfernen Migranten begünstigen."

Ralf Hoffrogge von der FU-Fachschaftsinitiative Geschichte macht sich über die Motive seines Universitätspräsidenten Dieter Lenzen keine Illusionen. "Er benutzt ein linkes Argument, doch dahinter steckt rein kapitalfixiertes Denken", kritisiert der Student. Lenzen, Mitglied der neoliberalen "Initiative Soziale Marktwirtschaft", ginge es in Wirklichkeit darum, einen Eignungstest für alle Studierenden einzuführen. Wie in Amerika. Dort seien die Tests kostenpflichtig und würden von Unternehmen entwickelt. Das, so Hoffrogge, sei eine Absage an den humanistischen Bildungsgedanken. "Statt eines Grundrechts auf Bildung für alle soll es künftig nur gezielte Förderung für wenige geben." Hardy Grafunder, der an der FU Studierwillige mit und ohne Abitur berät, hält auch nicht viel von dem Vorstoß. "Die meisten Nichtabiturienten scheitern weniger an den bürokratischen Hürden als an den Finanzen: Ein Vollzeitstudium ist ohne Förderung für die meisten nicht zu stemmen."

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