Hilfe für Kriegsdientsverweigerer: Das Eigentum wehrt sich

Rund 60.000 US-Soldaten sind derzeit in Deutschland stationiert. Ein kleines Netzwerk bietet in Süddeutschland den Amerikanern Hilfe, die es beim Militär nicht mehr aushalten.

Das MCN in Bammental unterstützt US-Berufssoldaten bei der Verweigerung. Bild: dpa

Es ist Zeit zum Schlafengehen. Zwei kleine Kinder hüpfen noch durch die Wohnung, Puppen in der Hand, im Hintergrund singt eine sanfte Frauenstimme ein Gute-Nacht-Lied. Die Mutter nimmt die Kleinen schließlich mit aufs Sofa und liest ihnen noch eine Geschichte vor. Die Szene friert in einem Foto ein und plötzlich schiebt sich eine Hand im Lederhandschuh an einem Schaltknüppel in das Bild. Die Mutter mit den Kindern ist nur noch ein Foto, das im Cockpit eines Kampfflugzeuges liegt, der Vater steuert gerade den Jet. Die Frauenstimme singt immer noch. Hier wirbt die US Air Force.

Das Military Counseling Network gibt es in seiner jetzigen Form seit 2003. Doch auch schon während des zweiten Golfkriegs Anfang der 90er-Jahre war eine Vorgängerorganisation aktiv, um aussteigewillige GIs bei einer Kriegsdienstverweigerung zu unterstützen.

In der Zwischenzeit, so schätzen die Macher heute, habe es kaum Nachfrage nach Unterstützung bei der Verweigerung gegeben. Denn der damalige US-Präsident Bill Clinton machte es Verweigerern leichter. Erst mit der Amtszeit von George W. Bush stieg die Nachfrage wieder an.

"So einfach ist Krieg für die meisten", sagt Tim Huber und klappt in seinem kleinen Büro im Dachgeschoss das Notebook zu. Der US-Amerikaner ist einer der beiden Freiwilligen, die sich im Military Counseling Network (MCN) engagieren. Was militärisch klingt, hat mit der Armee nichts zu tun: Es ist eine Organisation, die US-Soldaten in Deutschland bei der Kriegsdienstverweigerung hilft. Huber und Hershberger sind eigens nach Bammental in Baden-Württemberg gekommen, um diesen Menschen zu helfen. Auch aus religiöser Motivation.

Kriegsdienstverweigerung bei einer Berufsarmee? Huber gibt zu, dass der Gedanke merkwürdig erscheint. Schließlich muss, wer keine Lust auf die Armee hat, sich nur den mitunter aufdringlichen Angeboten der Rekrutierer widersetzen. Zu einem Dienst gezwungen wird niemand. Wieso also verweigern? Die Verweigerung, um die sich Tim Huber und sein Kollege Daniel Hershberger kümmern, ist weitaus schwieriger als die in Deutschland. Denn US-Verweigerer sind bereits in der Armee. Sie haben einen Vertrag unterzeichnet, sich verpflichtet, auf fünf Jahre, zehn oder mehr. Sie haben meist die USA schon verlassen, waren in Afghanistan oder im Irak und sind von dort aus in die Kaserne nach Deutschland zurückgekehrt. Hier warten sie auf ihren nächsten Einsatz. Und sie wünschen sich, dass es keinen geben wird.

"Etwa hundert Fälle betreuen wir im Jahr", sagt Huber. Zum Teil geht es nur um einfache Fragen: Ein Soldat ist vor einem Militärgericht angeklagt und wünscht sich einen kompetenten Anwalt. Huber vermittelte den Kontakt. Nicht immer rufen die Betroffenen selbst an. Huber erzählt von einer Frau, deren Mann nach einem Einsatz Selbstmordgedanken hatte. Doch die schwierigsten Fälle sind die Verweigerungen. Jährlich um die 15 Soldaten, die verweigern wollen, melden sich bei Huber und Hershberger. Ihre Geschichten ähneln sich. Da ist zum Beispiel Robert Weiss. Weiss ging als 17-Jähriger in die Army. "Die Aussicht auf eine Schlacht klang für mich nach Aufregung und Spaß", schreibt Weiss in seiner Verweigerung. Er berichtet von seinem Status als Soldat, der ihm das Gefühl gab, etwas wert zu sein und von anderen Menschen mit mehr Respekt behandelt zu werden. Bis auf einer Party der Verlobte seiner Schwester getötet wurde. Es war das erste Mal, dass Weiss mit dem Tod so nah in Berührung kam. Das erste Mal, dass er das Leid eines Angehörigen spürte

"Solche Schlüsselerlebnisse sind wichtig", sagt Huber. Die Soldaten werden danach gefragt, wenn sie verweigern wollen. Doch bis es überhaupt dazu kommt, haben sie einen schwierigen Teil schon hinter sich gebracht: Sie haben selbst ihre neue Überzeugung akzeptiert, sie haben sich Hilfe geholt, um die Verweigerung in Angriff zu nehmen, und sie haben viele Seiten Papier vollgeschrieben, auf denen sie erklären, warum sich ihre Überzeugung gewandelt hat und inwiefern das mit dem Kriegsdienst unvereinbar ist. Mitsamt der schriftlichen Erklärung müssen sie einem Seelsorger, einem Psychologen und einem Offizier gegenübertreten. "Viel von dem, was wir machen, ist die Vorbereitung auf diese Gespräche", sagt Huber. Denn bestimmte Fragen kommen immer. Zum Beispiel die nach Adolf Hitler.

"Wer in den USA verweigern will, darf nicht nur gegen einen Krieg sein, sondern muss Kriege immer und überall ablehnen. Auch in der Vergangenheit." Und damit auch den Zweiten Weltkrieg. Das sei für viele eine große Schwierigkeit. Denn keiner wolle sich nachsagen lassen, damals keine Waffe in die Hand genommen und nicht bereit gewesen wäre, für sein Land zu kämpfen. Wer die drei Anhörungen übersteht, ist noch lange nicht entlassen. Die Unterlagen wandern nun durch die gesamte Militärhierarchie nach oben - bis nach Virginia in den USA. Dort wird entschieden. Drei Leute, eine Mehrheitsentscheidung.

"Weil der Prozess der Verweigerung so schwierig und langwierig ist, versuchen wir meist zunächst, andere Wege zu gehen", sagt Huber. Ob in Army, Navy oder Air Force - in jedem Bereich gebe es andere Gründe, die eine Entlassung rechtfertigen. "Bei der Navy haben zum Beispiel Bettnässer eine gute Chance, herauszukommen", sagt Huber. Immer ein Grund: Schwangerschaft. "Aber da müssen wir schnell arbeiten", fügt er hinzu. Nicht helfen könne er, wenn eine Frau anrufe und sage, sie sei im siebten Monat schwanger. So rasch sei kein Entlassungsantrag bewilligt. Bei einer Kriegsdienstverweigerung sieht es ähnlich aus: Obwohl das Verfahren vom Einreichen der Verweigerung bis zur Entlassung nur zwei Monate dauern soll, ziehe es sich üblicherweise deutlich länger hin. "An einem Fall arbeiten wir seit zwei Jahren", sagt Huber.

Das ist vor allem belastend für den Soldaten. Denn mit Verweigerern gehen die Truppen nicht zimperlich um. Huber erzählt von zusätzlichen, manchmal auch irrsinnigen Aufgaben, Funkdienst in 24-Stunden-Schichten und dem Kernproblem: dem Dienst an der Waffe. Zwar soll ein Soldat, der seine Verweigerung eingereicht hat, so eingesetzt werden, dass es "am wenigsten mit seinen Überzeugungen kollidiert". Doch was heißt das? "Wenn ein Vorgesetzter einen Soldaten dann zwingt, eine Waffe in die Hand zu nehmen, hat der Soldat ein Problem", sagt Huber. Entweder er gehorcht - und sein Verweigerungsantrag wird nicht ernst genommen. Oder er widersetzt sich - dann gilt er als Deserteur. Und Deserteure dürfen nicht mehr verweigern. "GI steht für Government Issue", sagt Huber als Erklärung. "Der Soldat gehört der Regierung."

Und die Regierung sorgt gut für ihr Eigentum - zumindest so lange es ihr dient. Für Ausgaben von Benzin bis Nebenkosten kommt die Armee auf, wer erfolgreich seinen Dienst abgeleistet hat, kann sich finanziell zurücklehnen. Doch was die Soldaten beim Militär lernen, lässt sich nicht immer leicht in zivile Berufe einbringen, so streben die Verweigerer wenigstens an, "ehrenhaft" entlassen zu werden. Die vermeintliche Alternative zur Verweigerung, einfach aus der Kaserne zu verschwinden oder noch einfacher, gar nicht wieder zu kommen, ist keine. Denn dann drohen harte Strafen. Im Uniform Code of Military Justice heißt es im Artikel 85 über die Desertion, in Absatz e, der die Höchststrafen aufführt, in Satz 3: "Tod oder die Strafe, die das Militärgericht verhängt."

"In der Praxis hat seit Jahrzehnten schon kein Gericht mehr die Todesstrafe für einen Deserteur verhängt", sagt Huber. Doch er verstehe die Angst der Soldaten. Auch Robert Weiss wurde wegen Desertion verurteilt. Nachdem seine Verweigerung abgelehnt wurde und Weiss sich im Dezember 2007 weigerte, zurück in den Irak zu fliegen, setzte ein Militärgericht die Strafe auf sieben Monaten Gefängnis an. "Desertion ist das einzige Verbrechen, bei dem man verurteilt wird, weil man kein Verbrechen begehen will", kommentiert Huber.

Einen Verweigerungsantrag nicht zu bearbeiten und so eine Desertion zu provozieren, ist gleichzeitig eine Möglichkeit, Hilfe von außen zu erschweren. Denn wer als US-amerikanischer Staatsbürger einem GI beim Desertieren hilft, riskiert, selbst vor Gericht zu landen. "Es gibt da aber eine Grauzone", ist alles, was Hershberger dazu sagt. Laut Huber sind die Strafen für Deserteure unter der Bush-Regierung härter geworden. Auch eine Amnestie für Deserteure, wie es sie unter Jimmy Carter gab, sei bei George W. Bush nicht vorstellbar. Huber und Hershberger hoffen deshalb auf eine zweite Amtszeit Obamas - mit der Aussicht, dass er am Ende seiner ersten eine Amnestie erlassen wird.

Eine lockerere Handhabe würde nicht nur die Arbeit der beiden erleichtern, es wäre auch ein kleiner Schritt hin zu Daniel Hershbergers Ideal: "Die Welt wäre eine bessere, wenn jeder ein Kriegsdienstverweigerer wäre."

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de