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Hier und Jetzt

BÜHNE Im Kindertheater ist es ein Problem, wenn die Publikumsreaktionen verhalten ausfallen. Was schiefgehen kann, lässt sich bei der Produktion „Maus unter“ nachvollziehen

Kinder sind das härteste Publikum, das es gibt. Niemals würden sie aus Höflichkeit klatschen oder mit ihrem Urteil dem folgen, was gerade hip ist. Für gute Theatermacher ist es daher bewährte Praxis, bei der Entwicklung eines Stücks immer wieder Kinder zu den Proben einzuladen, um rauszukriegen, was ankommt und was nicht.

Auch bei „Maus unter“ gab es Besuche eines Probepublikums. Was in diesem Fall doppelt wichtig war: Das Stück des Regisseurs Hermann Book wurde am Jungen Schauspielhaus, der Kinder- und Jugendsparte des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, uraufgeführt. Erfahrungswerte, wie der Text auf Kinder wirkt, gab es nicht.

Die Anlage von „Maus unter“ ist witzig: Zwei Mäuse treffen sich unter der Erde und wissen weder, wer sie sind, noch wie sie dahin gekommen sind. Beide haben das Gedächtnis verloren und rekonstruieren nach und nach, was passiert ist. Dabei treffen sie andere Tiere der Unterwelt, nämlich eine Kellerassel, einen Regenwurm und einen Maulwurf. Immer geht es um die Erkenntnis der eigenen Identität: „Ich bin ich“, sagt die eine Maus. „Das kann nicht sein“, sagt die andere. „Weil ich auch ich bin.“

Die große Frage der eigenen Identität bricht Regisseur und Autor Hermann Book herunter auf eine Ansammlung von Wortspielen, die ins Leere geht, weil sie sich selbst genügt. „Ich bin irgend“, sagt die eine Maus. „Ich bin jemand“, sagt die andere. Und der Wurm sagt altklug: „Ob jemand das Gefühl hat, ein Ich zu sein, hängt von zwei Voraussetzungen ab: Erstens Bewusstsein und zweitens Wachheit.“

Trotz der Probenbesuche der Kinder ist „Maus unter“ ein Beispiel geworden dafür, dass viele gelungene Einzelheiten in der Summe kein gutes Ergebnis bedeuten müssen. Bühnenbild, Musik, Kostüme, alles ist liebevoll und gut gemacht, aber der Geschichte fehlt es an Schwung, den Szenen an Witz und dem Text an Sinnlichkeit. Da hilft es dann nichts, wenn die beiden Mäuse bei ihrer Identitätssuche auch noch eine mystische Unterwelt-Erfahrung machen dürfen: Bei der treffen sie einen Haifisch und die Unterwelt glitzert im Diskokugel-Licht.

Die Reaktion der Kinder bei der Premiere war verhalten. Zwischenrufe gab es kaum, rausgegangen ist niemand, aber auch die Lacher waren selten. Am Ende wird aufgelöst, wie die Mäuse unter die Erde gekommen sind und was für ihren Gedächtnisverlust verantwortlich war. Die Pointe ist witzig und phantasievoll. Aber sie kommt erst mit dem Schlussakkord nach rund 60 Minuten – und damit zu spät für ein Publikum, das im hier und jetzt lebt und nicht im danach. Klaus Irler

nächste Aufführungen: 3. + 4.12., 10.30 Uhr; 6.12., 15 Uhr

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