: Hetze gegen den „Strolch“
■ Ermittlungsverfahren gegen den türkischen Schriftsteller Yașar Kemal eröffnet
Istanbul (taz) – Die Staatsanwaltschaft des Staatssicherheitsgerichts Istanbul hat wegen „separatistischer Propaganda“ ein Ermittlungsverfahren gegen den 72jährigen türkischen Autor Yașar Kemal eingeleitet, nachdem dieser ein Essay im Nachrichtenmagazin Spiegel veröffentlicht hatte. Yașar Kemal, einer der populärsten türkischen Schriftsteller, hatte in seinem Beitrag die Grausamkeit des politischen Regimes in der Türkei und den schmutzigen Krieg in den kurdischen Provinzen angeklagt: „Daß die Führung seit der Gründung der Republik versucht hat, die Sprache der Kurden und ihre Kultur zu töten, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“ Sollte es zu einer Anklageerhebung und Verurteilung kommen, drohen Kemal bis zu fünf Jahre Gefängnis.
Yașar Kemal hatte bereits zuvor in türkischen Zeitungen Menschenrechtsverletzungen angeklagt. Nach dem Bombenanschlag auf die kurdische Zeitung Özgür Ülke rechnete er in einem Essay, das in der vom Staat verfolgten Zeitung erschien, mit den „Verbrechen der Herrschenden“ ab. Bei jedem anderen Autor wäre es unmittelbar zu einer Anklageerhebung und Verurteilung vor dem Staatssicherheitsgericht gekommen. Doch offensichtlich trauten sich die Staatsanwälte nicht, den prominenten Autor anzuklagen, dessen Werke millionenfach verkauft werden. Daß Yașar Kemal nun im Ausland seine Mahnungen veröffentlichte, hat das Faß zum Überlaufen gebracht. Türkische Kolumnisten diffamierten Yașar Kemal als „Nestbeschmutzer“, der sich erhoffe, den Nobelpreis dadurch zu ergattern, daß er die Türkei schlechtmache. Ein „Strolch“ sei Yașar Kemal, soll die türkische Ministerpräsidentin Tansu Çiller laut Zeitungsberichten nach der Spiegel-Veröffentlichung gesagt haben. Das Amt der Ministerpräsidentin dementierte die Äußerung zwar später, doch die Hetzkampagne läuft.
Unterstützung erfährt der Autor wiederum von den berühmtesten türkischen Schriftstellern. Der Bestsellerautor Orhan Pamuk übte sofort Solidarität. „Yașar Kemal ist explodiert. Aber es ist unmöglich, nicht zu explodieren. Wie kann man schweigen, wenn Abgeordnete ins Gefängnis gepfercht, wenn Dörfer abgebrannt und Journalisten und Intellektuelle ermordet werden. Yașar Kemal hat die Wahrheit gesagt.“ Ömer Erzeren
Seiten 8 und 11
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