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Eine junge Frau kehrt aus Frankreich nach Tunis zurück und findet den Mut, zu sich selbst zu stehen. Leyla Bouzids „Mit leiser Stimme“ ist ein eindringliches Drama über Selbstbehauptung
Von Arabella Wintermayr
Die Rückkehr in die Heimat gehört zu den ältesten Erzählmustern überhaupt. Von „Der Zauberer von Oz“ bis zu „Der Herr der Ringe“ erzählt das Kino immer wieder von der Heimkehr als Erlösung oder langersehntem Ziel. Und die Urerzählung aller Heimkehrgeschichten, „Die Odyssee“, kommt dieser Tage immerhin in einer Interpretation von Christopher Nolan in die Kinos.
Doch es gibt auch die andere Art von Heimkehr, in der die Heimat nicht Verheißung, sondern Zumutung ist – und die Rückkehr einen Gang zurück an einen Ort bedeutet, den man einst aus gutem Grunde verlassen hat. In diese Spielart reiht sich „Mit leiser Stimme“ der tunesischen Regisseurin und Drehbuchautorin Leyla Bouzid ein.
Für die Studentin Lilia (Eya Bouteraa) ist die Lage allerdings noch etwas komplizierter. Zwar ist sie ihrer Heimat spürbar verbunden, doch hat sie sich längst ein neues Leben in Paris aufgebaut – nicht zuletzt, weil sie dort tatsächlich sie selbst sein kann. Aus einem traurigen Anlass, der Beerdigung ihres Onkels Daly, kehrt sie nun nach Tunesien zurück.
Zusätzliche Herausforderungen bringt dabei die Begleitung ihrer Partnerin Alice (Marion Barbeau) mit sich. Kaum am Flughafen angelangt, setzt Lilia sie zunächst heimlich vor einem Hotel ab. Schließlich weiß ihre Familie nicht, dass sie lesbisch ist.
Trauer unter Beobachtung
Leyla Bouzid, die hier ihren dritten Spielfilm vorlegt, wählt einen überaus klugen Zugang, um von einem Wiedersehen mit den eigenen Wurzeln zu erzählen, das ebenso von Widerwillen und Schmerz geprägt ist wie von der Hoffnung auf Versöhnung.
Über mehrere Trauertage hinweg folgt „Mit leiser Stimme“ dafür seiner Protagonistin durch traditionelle Gedenk- und Gebetsversammlungen, die festen Abläufen unterliegen und sowohl Orte aufrichtiger Anteilnahme als auch Instrumente gesellschaftlicher Kontrolle sind, über die insbesondere Großmutter Néfissa (Salma Baccar) mit strengem Auge wacht.
Die Bildgestaltung übersetzt dieses Gefühl beständig in enge, überfüllte Räume, in denen es kein Entkommen vor den Blicken der anderen zu geben scheint. Andererseits aber zeigt Leyla Bouzid auch die titelgebenden Gespräche dazwischen, geführt mit gesenkter Stimme, insbesondere zwischen Mutter Wahida (Hiam Abbass) und Tante Hayet (Fériel Chamari).
Lilia wird hellhörig, als von einer Autopsie die Rede ist. Und davon, dass ihr Onkel nackt auf der Straße aufgefunden wurde. Dass das nur böse habe enden können, zischt die Tante noch – in diesem Land sei „das“ ein Fluch. Wahida wiederum schaut dem Tod des Bruders mit mehr Wehmut entgegen. Wie sie später betont, habe sie Daly immerzu ermutigt, seinen Weg zu gehen, sich nicht zu verstecken.
Die Geister der Kindheit
Für Lilia wird die sich rasch zur Gewissheit wandelnde Ahnung, dass ihr Onkel insgeheim schwul war, auf mehreren Ebenen bedeutsam. Sie fühlt sich ihm nun umso stärker verbunden – und immer wieder flackern die Erinnerungen an ihn einem Geist gleich im Film auf. Das hat in „Mit leiser Stimme“ nichts Pathetisches, wirkt nicht fremd oder künstlich. Überhaupt versteht sich Leyla Bouzid darauf, von großen Gefühlen zu erzählen, ohne dabei auf vereinfachende Bilder und Botschaften zurückzugreifen.
Gleichsam spürt Lilia nun selbst die Bedrohung, die über ihr und ihrer Beziehung schwebt. Alice, die sie nur unter falschen Vorwänden im Hotel aufsucht, wagt sie zunächst nicht einmal mehr im Schutz des abgeschirmten Zimmers zu berühren.
Auch hier erweist sich das feine Gespür für Ambivalenzen als der größte Reiz dieses Werkes: Bei einem gemeinsamen Besuch im Museum umkreisen die beiden Frauen einander wiederum beinahe tänzerisch, und Lilia bemerkt, dass selbst die Frustration ihre schönen Seiten kenne. So vergisst „Mit leiser Stimme“ nicht, dass Begehren und Sinnlichkeit fortbestehen – selbst dort, wo die Angst längst Besitz von einem Menschen ergriffen hat.
Der Tote und die Lebende
Wohl auch aus der eigens erlebten Angst und der Ahnung genährt, dass das Schicksal des Onkels ebenso das ihre hätte werden können, stellt Lilia schließlich auf eigene Faust verschiedene Nachforschungen an, sucht in seinem Zimmer nach Hinweisen auf seine Todesumstände und stößt auf Briefe eines Lebenspartners, von dem sich Daly schließlich löste, um der eigenen Mutter zu gefallen.
Die Polizei erweist sich dabei wiederum als keine Hilfe. Die beiden Ermittler, die zu Beginn noch bei der Familie vorsprechen, weist Néfissa schroff ab – aus Sorge vor dem Gerede der Nachbarn und der drohenden „Schande“. Als die Beamten später an anderer Stelle von Dalys sexueller Orientierung erfahren, verlieren sie schließlich jedes Interesse an einer Aufklärung. Vielleicht sei es ein Herzinfarkt während des Geschlechtsverkehrs gewesen, bemerkt der eine zynisch, obwohl die Umstände seines Auffindens offenkundig dagegensprechen.
Weil die Wahrheit in diesem Wust aus Homofeindlichkeit unerreichbar bleibt, richtet sich der Blick des Films mehr und mehr auf die Folgen, die Dalys ungelöstes Schicksal für die Hinterbliebenen hat. Trauerrituale, Ermittlungen und Lilias ganz persönliche Annäherung an ihren Onkel überlagern sich ständig und verleihen „Mit leiser Stimme“ eine bemerkenswerte, weil authentisch anmutende Gleichzeitigkeit – auch wenn die Erzählung dadurch bisweilen an Tempo verliert.
Die eigene Stimme dazwischen
Aus dieser Spurensuche folgt für Lilia zwangsläufig auch die Frage nach der Haltung ihrer Mutter. Wenn Wahida ihren Bruder in seinem „Anderssein“ unterstützt und ermutigt hat, müsste sie dann nicht auch ihre Tochter akzeptieren? Auch hier verweigert „Mit leiser Stimme“ jede allzu einfache Versöhnung.
Vielmehr macht Wahida schmerzlich deutlich, dass sie Lilias Beziehung für ein vergängliches Glück hält – eines, dem der Wunsch nach Kindern verwehrt bleibt und das deshalb immer schon beschädigt sein müsse. Mit großer Ruhe formt Hiam Abbass dieses widersprüchliche Porträt einer Frau, die lieben und schützen will und doch in den Grenzen ihres Denkens gefangen bleibt.
Lilia tritt nach der erfahrenen Ablehnung allerdings umso entschlossener auf: Sie widerspricht homophoben Cousins bei einer Party am Strand ebenso wie einem Verkehrspolizisten, der sie über ihre feige Flucht in den Westen belehren will. So wird „Mit leiser Stimme“ letztlich auch zu einer ungewöhnlichen „Coming of Age“-Geschichte einer Selbstbehauptung, die sich konsequent in Leyla Bouzids bisheriges Schaffen einfügt.
Bereits in „Kaum öffne ich die Augen“ erzählte sie von einer jungen Sängerin, die mit den Liedern ihrer Punkband gegen die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse aufbegehrt, in „Eine Geschichte von Liebe und Verlangen“ wiederum von einem Studenten, der über die arabische Liebes- und Erotikdichtung einen neuen Zugang zu seinem Begehren findet.
Nun führt Leyla Bouzid dieses Kerninteresse entschieden fort. „Mit leiser Stimme“ erzählt davon, sich das Vorgefundene nicht gefallen zu lassen, sondern den eigenen Platz darin zu behaupten – und so schließlich auch in der Fremde eine Heimat zu finden.
„Mit leiser Stimme“. Regie: Leyla Bouzid. Mit Eya Bouteraa, Hiam Abbass u. a. Frankreich/Tunesien, 112 Min.
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