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„Heime sind wie der Sumpf, wie Rußland“

■ Ostjüdische Zuwanderer und ihre Integration / Jüdischer Kulturverein als Sammelbecken für all jene, die sich keiner Religionsgemeinschaft zugehörig fühlen

„In Deutschland ist es egal, ob du Tatar, Ukrainer oder Kasache bist. Selbst als Juden sind wir jetzt die Russen.“ Nüchtern registrierten die jungen Musiker Stanislaw Zaides und Witali Tscherbin ihre ersten Eindrücke in der neuen Heimat. Beide kamen vor drei Jahren aus Rostow am Don nach Berlin. Die Integration war für die damals 21jährigen mehr ein großes Abenteuer.

Das Ausländerwohnheim, die erste Station für die meisten jüdischen Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion nach 1990, kam für sie erst gar nicht in Frage: „Heime sind wie der Sumpf, wie Rußland.“ Um die Sprache zu lernen, muß man zwischen den Deutschen leben, dachten sie. Freunde besorgten ihnen ein Zimmer zur Untermiete. War das Geld knapp, spielten sie Geige und Gitarre auf der Straße. Heute studieren beide an der Musikhochschule „Hanns Eisler“.

Der fast 70jährigen Kima Greidina kommen über die Aufnahme in Deutschland keinerlei Klagen über die Lippen. Nach längerer Zeit im Aufnahmelager erhielt die frühere Kinderärztin im Seniorenheim der Jüdischen Gemeinde eine kleine, komfortable Wohnung mit Telefon. Sie war nach dem Tod ihres Mannes 1990 ausgewandert, um ihrer Tochter Ella, Malerin und Puppenbildnerin, und Enkel Artjam ein besseres Leben zu ermöglichen. Die beiden wohnen mittlerweile nicht weit weg von ihr. „Trotzdem fühle ich mich wie ein Baum ohne Wurzeln. Meine Seele blieb in Moskau“, sagt sie.

Kima Greidina begegnet dem für ältere Zuwanderer beinahe typischen Problem mit Schreibversuchen. Und sie hat noch andere animiert, den „Kulturschock, den man meist erst nach einiger Zeit selbst bemerkt“, auf diese Weise abzubauen. Im Jüdischen Kulturverein leitet sie einen Literaturzirkel. 1976 war im Moskauer Kinderbuchverlag das erste Buch der schreibenden Ärztin erschienen. Zehn Jahre mußte sie bis zur nächsten Veröffentlichung, einer Erzählung über das gestörte Verhältnis von Juden und Russen, warten. In Deutschland rechnet sie sich aber keine Chancen für eine Veröffentlichung aus. Eine Lesung vor jüdischen Mitbürgern in Baden- Baden ist ihr schon Freude genug.

Im Unterschied zur Jüdischen Gemeinde sieht sich der Jüdische Kulturverein als Sammelbecken derjenigen, die sich keiner Religionsgemeinschaft zugehörig fühlen. Die Einwanderer müssen sich von ihrer Herkunftskultur abgrenzen und auch an die neue Kultur anpassen, beschreibt Vereins-Mitbegründerin Irene Runge den schwierigen Integrationsprozeß. Gleichzeitig gehe es darum, sich mit der jüdischen Kultur, Religion und Tradition aufs neue oder erstmals bekanntzumachen.

Der „familiäre Klub mit links- intellektueller Atmosphäre“, der etwa 500 Mitglieder zählt, lädt gänzlich unorthodox auch einmal am Sonntagnachmittag zur Schabbat-Feier ein. Kantor Laszlo Pasztor brachte zur Verstärkung Mitglieder des Synagogen-Chors mit. Pasztor hat Verständnis dafür, wenn die meisten Besucher erst beim „Schalom Alajchem“ laut einstimmen.

Wer nicht die deutsche Sprache beherrscht, hat leicht das Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Deutsch zu pauken im Intensivkurs ist für die ostjüdischen Einwanderer ein Pflichtprogramm, aber nur bei den jüngeren wird der Unterricht finanziert. Der 39jährige Igor Chalmiev aus Baku belegte jetzt den zweiten Lehrgang. Als Bauingenieur rechnet er sich gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt aus. Vierzehn Jahre hatte er als Projektleiter gearbeitet, aber nie einen Computer bedient. Daß es bisher mit der Arbeit nicht geklappt hat, ist für ihn noch kein Grund, entmutigt zu sein: „Ohne Sprachkenntnisse war ich wie ein Blinder.“ Irma Weinreich/dpa

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