Heimatvertriebene mitten in Hamburg

Schwarz-Weiß-Fotos vom Paradies

Am heutigen Industriestandort Hamburg-Waltershof lebten mal mehr als 4.000 Menschen – bis Flut und Container kamen. Einmal im Jahr treffen sich ehemalige Nachbarn.

Drei ältere Frauen schauen Fotos an

Erinnern sich an Gemeinsmes: Waltershoferinnen Foto: Miguel Ferraz

Auf dem Tisch stehen Teller mit Butterkuchen, halbvolle Tassen Kaffee, Wasser. Alle Plätze drum herum sind besetzt. Die Männer und Frauen unterhalten sich, tauschen Schwarz-Weiß-Fotos aus. Sie lachen oft.

Günther Lühmann sagt nicht viel, ab und zu huscht ihm ein Lächeln übers Gesicht. „Neben ihm, das ist Erika. Die wollte ihn mal heiraten“, erzählt Lühmanns Tochter. Er hat sich dann aber für eine andere Frau entschieden. Angela Rehders beobachtet ihren Vater mit ein bisschen Abstand. Sie freut sich, dass er offensichtlich eine gute Zeit hat, musste sie ihn doch überreden, zu dem Treffen der ehemaligen Waltershofer zu gehen.

Etwa 150 Menschen sind an diesem Samstag im Seemanns­klub Duckdalben zusammengekommen. Die meisten sind im Rentenalter. Einige sind extra aus Bayern, Dänemark und Gran Canaria angereist. Fast alle lebten in den 50er- und 60er-Jahren in Waltershof, erlebten die große Sturmflut von 1962 und mussten früher oder später ihr Zuhause verlassen. Doch obwohl sie seit mehr als 40 Jahren weit verstreut wohnen, wollen sie sich gemeinsam an das Leben in ihrem Stadtteil erinnern.

Von der Laube zum Wohnhaus

Waltershof kennen die meisten Hamburger heute wegen seiner zwei großen Containerterminals, der Köhlbrandbrücke und des Elbtunnels. Doch früher war hier ein lebendiges Wohnviertel. Vor dem zweiten Weltkrieg der grüne, entschleunigte Rückzugsort der Städter, wurde Waltershof nach 1945 das Zuhause vieler, deren Häuser und Wohnungen durch Bomben zerstört worden waren.

Die als Wochenenddomizil errichteten Lauben und Häuschen in den Schrebergärten bauten sich die neuen Bewohner zu kleinen Wohnhäusern um. In den 50er- und 60er-Jahren lebten schließlich mehr als 4.000 Menschen auf der Elbinsel. Es gab eine Kneipe, einen Schlachter, eine Drogerie.

„Waltershof war ein kleines Paradies“, erinnert sich Detlef Baade. „Besonders für die Kinder.“ Das Bild der spielenden und badenden Kinder am weißen Sandstrand am Maakendamm hat sich in viele Köpfe eingeprägt. Baade organisiert gemeinsam mit zwei weiteren ehemaligen Bewohnern seit sechs Jahren das jährliche Treffen der ehemaligen Waltershofer. Er hat hier gelebt, bis er 21 war.

Der heute 63-Jährige erinnert sich noch gut an diese Zeit und auch an die Nacht, die so vielen Waltershofern das Leben kostete. Baade war sieben Jahre alt. „Mein Vater hat mich aus dem Bett geholt, als das Wasser schon in meinem Zimmer stand“, erzählt er. Für Baade damals besonders aufregend: Er durfte aus dem Fenster pinkeln. „Es war ja eh überall Wasser.“ Als der Siebenjährige am nächsten Tag tote Tiere und tote Menschen sah, wurde ihm bewusst, was da eigentlich passiert war.

Die Sturmflut, die in der Nacht vom 16. auf den 17. Fe­bruar 1962 über Hamburg hereinbrach, richtete besonders südlich der Elbe enorme Schäden an. Die Menschen wurden im Schlaf von den Wassermassen überrascht. 44 Menschen starben allein in Waltershof. An sie erinnert heute ein Denkmal vor dem Duckdalben.

Nachdem Baades Vater, der Waltershofer Friseur Herbert Baade, in der Flutnacht seine eigene Familie in Sicherheit gebracht hatte, begann er mit der Rettung anderer. Mit seinem VW Käfer fuhr er durch Waltershof und half 30 Menschen, dem Wasser zu entkommen. „Dafür hat er später auch eine Auszeichnung bekommen“, erzählt Baade. „Aber die war ihm egal. Es ging ihm um die Menschen.“

Viele Bewohner Waltershofs konnten nie in ihr Zuhause zurückkehren, ihre Häuser und Lauben waren zerstört. Im Haus von Familie Baade am Rugenberger Damm stand das Wasser dreißig Zentimeter hoch, vergleichsweise niedrig. Die Familie blieb in Waltershof.

Die Fluten haben alles aufgelöst

Aber der Stadtteil veränderte sich. „Die Hälfte meine Schulklasse ist weggezogen“, erzählt Baade. „Alles hat sich immer mehr aufgelöst.“ Waltershof wurde als Siedlungsgebiet aufgegeben. Stattdessen schritt die Industrialisierung voran, das Hafengebiet wurde ausgeweitet. 1968 legte das erste Containerschiff an, 1974 wurde die Köhlbrandbrücke eingeweiht.

Und im Januar 1976 kam wieder das Wasser. Bei den Baades stand es diesmal 1,80 Meter hoch. Umherschwimmende Container zerstörten die Hauswände, das Zuhause wurde unbewohnbar. Familie Baade zog weg. Erst nach Neuwiedenthal, heute lebt Detlef Baade in Neugraben. „Auf 56 Zentimetern Höhe“, sagt er lachend. „Es klingt ein bisschen verrückt, aber ich möchte nur noch da wohnen, wo kein Wasser hinkommen kann.“

In Waltershof ist er trotzdem fast täglich – im Jahr der Sturmflut fing Baade beim heutigen Containerlogistikunternehmen Eurogate an, wo er heute noch arbeitet. Wenn er vom Seemannsklub Duckdalben zu Eurogate rüberblickt, sieht er die Stelle, wo sein Vater einen Kleingarten hatte. „Da wo heute die zweite Containerbrücke steht, da war das Erdbeerfeld. Ich denke dann immer, dieses Stück Eurogate gehört auch ein bisschen mir.“

In diesem Jahr will Baade vorzeitig aus seinem Beruf ausscheiden. Langeweile wird er als Rentner nicht haben: „Ich habe schon zugesagt, dass ich hier im Duckdalben ehrenamtlich arbeite“, erzählt er. Und die jährlichen Treffen der Waltershofer organisiert er natürlich weiter.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de