■ Heftige Reaktionen nach dem Angriff in Buchenwald: Bannmeile ums KZ?
Es gibt keinen größeren Tabubruch in unserer Gesellschaft als jenen, den Rechtsradikale in Buchenwald verübten. Die Schändung von ehemaligen Konzentrationslagern, jüdischen Friedhöfen und Synagogen verletzt wie kein anderes Vergehen den Grundkonsens der Bundesrepublik, daß diese demokratische Gesellschaft nämlich aus der diktatorischen Vergangenheit gelernt habe. Das wissen die neuen Rechten, und deshalb schlagen sie zu. Und im Unterschied zu Sachsenhausen, Ravensbrück, Lübeck tun sie das jetzt schon am hellichten Tage. Dies ist die einzig neue Dimension. Den Tätern geht es nicht darum, die Juden und die politischen Häftlinge des Naziregimes ein zweites Mal zu erniedrigen, sie benutzen die Opfer als Mittel zum Zweck. Ihnen geht es einzig darum, die Regierenden zu treffen, und zwar dort, wo sie am empfindlichsten sind: an den Orten der Erinnerung, die sie an Gedenktagen zu Weihstätten erheben.
Hingegen scheinen splitternde Scheiben und Brandbomben in Asylbewerberheimen den Zeitungen der Republik nur einen Artikel wert, wenn Tote aus den Häusern getragen werden müssen. Und selbst dann denken Politiker zuallererst an das deutsche Ansehen im Ausland, das bedauerlicherweise durch Einzeltäter verletzt worden sei. Die Steine in Buchenwald, das Feuer in Sachsenhausen, die Hakenkreuze auf jüdischen Grabsteinen; das ist die Antwort von rechtsradikalen Jungs auf diese Verlogenheit. Sie wollen eine andere Gesellschaft, und effektiver als mit Tabuverletzungen an den Orten der Erinnerung läßt sich dies nicht zeigen. Eine umgekippte Lore, die einst Häftlinge zogen, erzeugt allemal mehr Aufmerksamkeit als blutig geschlagene Afrikaner und Vietnamesen in Pankow oder Bernau.
Diese zynische Logik wird weiter eskalieren, wenn Ideen, wie gestern von Romani Rose, dem Vorsitzenden der deutschen Roma- und Sinti-Union verfochten, Kreise ziehen. Er will, genau wie um ein Regierungsviertel herum, Bannmeilen um ehemalige Konzentrationslager schaffen. Eintritt nur mit Sondergenehmigung, genau wie vor 1945. Das Gegenteil aber ist richtig. Die Gedenkstätten müssen offene Orte sein, Museen, die zwischen Eisessen und Diskothek zu besuchen sind. Enttabuisierte Orte, deren Geschichte selbstverständlicher Teil des deutsches Erbes ist. Anita Kugler
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