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Haus der StatistikDie Stadt, die auf dem Schild begann

Mit einer Schlüsselübergabe schafft das Berliner Modellprojekt Haus der Statistik einen Meilenstein: mehr als 13.000 Quadratmeter für Kunst und Gemeinwohl.

Harry Sachs sitzt auf dem Dach des Hauses der Statistik Foto: Florian Boillot

Als Harry Sachs den Blick über die Stadt schweifen lässt – direkt hinter dem riesigen Schriftzug „Allesandersplatz“, der auch vom Alexanderplatz aus zu lesen ist –, schleicht sich ein Hauch von Triumph in seine sonst zurückhaltende Miene. Berlin liegt an diesem Wochenende der Schlüsselübergabe im Haus der Statistik unter einem perfekten Himmel. Auf der Dachterrasse von Haus A des Hauses der Statistik geben sich Besuchergruppen die Türklinke in die Hand, unten zieht der Flohmarkt, der hier Ko-Markt heißt, Menschen über das Gelände, irgendwo läuft Musik. Nach Jahren des Stillstands nun wieder Möglichkeiten.

Elf Jahre ist es her, dass Sachs gemeinsam mit der Allianz bedrohter Atelierhäuser ein simples Manöver startete, das heute wie ein Märchen wirkt. 2015 hing am leerstehenden Komplex ein Schild: „Hier entstehen Räume für Kunst, Kultur und Soziales.“ Typografie und Tonfall wirkten offiziell, nicht ironisch. Genau deshalb funktionierte es so gut. Das in der DDR gebaute und dann lang leer stehende Haus der Statistik, das für den Abriss markiert war, erschien als Ort für etwas anderes.

Heute führen Sachs und seine Mit­strei­te­r*in­nen Be­su­che­r*in­nen durch ein Projekt, auf das weltweit viele Künstler*innen, Sozialarbeiter*innen, Stadt­pla­ne­r*in­nen und Po­li­ti­ke­r*in­nen mit Neid blicken. Mitten in Berlin ist ein Modellprojekt kooperativer Stadtentwicklung entstanden: das Haus der Statistik als riesige Bestandsimmobilie für gemeinwohlorientierte Nutzungen.

Sachs gehört inzwischen zum Vorstand der Genossenschaft ZUsammenKUNFT Berlin, die gemeinsam mit der landeseigenen Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM), dem Bezirk Mitte, der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte (WBM) eine in Berlin einmalige Kooperation entwickelt hat.

Einige sind schon eingezogen

Die Bilanz ist beeindruckend: Das Finanzamt und weitere Verwaltungsbereiche sind Anfang des Jahres eingezogen. Hinter dem sanierten Bestand wird die WBM ab 2027 ganze 287 Wohnungen bauen. Dazwischen entsteht ein autofreier Stadtgarten mit drei Experimentierhäusern für „nachhaltiges Wirtschaften und gesellschaftliches Lernen“. Dort entstehen Werkstätten, Repaircafés und offene Angebote für die Nachbarschaft; die Erbbaurechtsverträge sind bereits unterschrieben.

Vor allem aber wird ein Fünftel der gesamten Flächen inklusive Neubau dauerhaft von zivilgesellschaftlichen Gruppen genutzt. Insgesamt geht es um mehr als 13.000 Quadratmeter – ungefähr der Fläche von zehn kleinen Berliner Miethäusern aus der Gründerzeit. In Zeiten explodierender Gewerbemieten und zusammengestrichener Kulturbudgets ist das unfassbar viel.

Natürlich, berichtet Sachs auf seiner Führung, musste man dafür viele Kröten schlucken. Die Idee, große Teile des Komplexes für Geflüchtete zu nutzen, zerrieb sich im politischen Alltag. Auch vom Plan, wenigstens Haus A vollständig gemeinwohlorientiert zu bespielen, blieb am Ende nur etwas mehr als die Hälfte übrig.

Außenaufnahme des Haus der Statistik Foto: Florian Boillot

„Wir sagen dazu einkalten“

Andrea Hofmann aus dem Vorstand der ZUsammenKUNFT nennt das später auf einem Podium trotzdem einen Erfolg. Kultur und Soziokultur seien nun im ganzen Quartier verteilt. „Wir sagen dazu, dass wir uns überall einkalten“, grinst sie. Der Begriff stammt aus der klimaresilienten Stadtplanung und meint, Orte kühler und lebenswerter zu machen.

Die nächsten Schritte stehen bereits fest: Das Erdgeschoss im flacheren Riegel hinter Haus A soll noch diesen Sommer ein Ort für das Haus der Materialisierung werden, wo es ums Sammeln, Weitergeben und Upcycling ausrangierter Möbel und anderer Materialien geht. Es war das einzige Gebäude im Bestand, das abgerissen werden musste, damit hier ab Sommer 2030 ein neues Rathaus für den Bezirk gebaut werden kann. In der Zwischenzeit musste die Initiative in einen Container umziehen, nun geht es endlich im großen Stil weiter. Gemeinsam mit der Stadtmission planen sie außerdem wieder einen Mittagstisch für die Nachbarschaft, in Erinnerung an die frühere „Café-Tasse“.

Man wird auch alte Bekannte wieder treffen, sagt Sachs. Gemeint sind viele der Pioniernutzer*innen, die sich seit Beginn der Sanierung ab 2023 in provisorische Ersatzorte zurückziehen mussten

Während Sachs mit seinem Zugangschip gegen den Fahrstuhl kämpft, berichtet er von den zukünftigen Be­woh­ne­r*in­nen des Hauses. 50 Initiativen ziehen ab Sommer 2027 in die Geschosse eins bis sechs ein. So bringt die Bühne für Menschenrechte dokumentarisches Theater über Menschenrechtsverletzungen ins Haus, Berlin Mondiale vernetzt Künst­le­r*in­nen und urbane Prak­ti­ke­r*in­nen zu Exil und Migration.

„Man wird auch alte Bekannte wieder treffen“, sagt Sachs. Gemeint sind viele der Pioniernutzer*innen, die sich seit Beginn der Sanierung ab 2023 in provisorische Ersatzorte zurückziehen mussten, oft mit weniger Platz und Sichtbarkeit: zum Beispiel die belarusische Gemeinschaft Razam, die künftig wieder Konzerte, Ausstellungen und Lesungen organisieren wird. Oder auch die Mitkunstzentrale, die ihre Arbeit an nachhaltigen künstlerischen Praktiken weitertreiben wird.

Bauexperten: Johanna Claus und Lukas Rosier in einem der Räume des Hauses der Statistik Foto: Florian Boillot

Passend dazu übernimmt nach dem Podium Lukas Rosier die Führung über das Gelände. Rosier arbeitet bei der Mitkunstzentrale und gehört zugleich zum Team des Hauses der Materialisierung. Gemeinsam mit Johanna Claus zeigt er jene Räume, in denen künftig gemeinwohlorientiert und künstlerisch gearbeitet wird. Während wir über das weitläufige Gelände laufen, begegnen uns ständig Besucher*innen. Menschen strömen zum Ko-Markt, zu Panels, zu Führungen.

Das Knirschen unter den Sohlen

Es ist leicht, sich vorzustellen, wie hier bald ein lebendiges Stadtquartier entsteht – und trotzdem wirkt es kurz so, als würden Claus und Rosier etwas vermissen. Vielleicht das Knirschen unter den Sohlen aus den Tagen der Pioniernutzung, als das Haus noch eine halbe Ruine war. Vielleicht die Freiheit, einfach irgendwo Dinge auszuprobieren. Aber dann kommen wir in den Räumen an, die sie jetzt ausbauen – und die Nostalgie verfliegt.

Denn hier soll möglichst alles aus gebrauchten Materialien entstehen, so verbaut, dass es jederzeit wiederverwendet werden kann. Sie suchen nach einem Bodenbelag, der ohne Estrich funktioniert. Und sie diskutieren begeistert, ob die schwarzen MDF-Platten aus einem Ausstellungsbau besser seien oder doch die gepressten Strohplatten mit Karton. Sie freuen sich darauf, dem Haus wieder kreatives Chaos einzuschreiben.

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