Hauptstadt-Club mit Defiziten: Ach, Hertha!

Unter den Fußballvereinen gilt Hertha BSC als die wenig geliebte graue Maus. Warum schafft es der Club einfach nicht, positive Gefühle auszulösen?

Balkon in Berlin Neukölln mit einer Herthafahne

Ein einsames Bekenntnis: Die Hertha-Fahne auf einem Neuköllner Balkon Foto: Rolf Kremming/imago

BERLIN taz | Entgegengebrachter Hass ist für einen Fußballverein gar nicht so schlimm. Der FC Bayern München beispielsweise wird in Deutschland von vielen innigst gehasst, und der Verein lebt ganz gut damit. Hertha BSC löst bei sehr vielen dagegen nur hochgradig indifferente Emotio­nen aus. Deutschlandweit, aber auch in der Hauptstadt selbst: der Verein ist irgendwie einfach nur egal. Es kursieren zig Rankings mit den beliebtesten bzw. unbeliebtesten Bundesliga-Vereinen: Die Hertha gehört bei diesen zuverlässig zu den am wenigsten angesagten Clubs. Und es gibt Berechnungen, wie groß der Fananteil der Stadtbewohner im Bezug zum dominanten Fußballclub der Stadt ist. Auch hier liegt die Hertha ziemlich weit hinten. Viel mehr Münchner und viel mehr Dortmunder haben ein positives Verhältnis zum größten Verein der Stadt als die Berliner zu ihrem.

Zu dieser Wahrheit gehört außerdem noch dazu: Seit Kurzem ist die Hertha ja nach Vereinsmitgliedern nicht mal mehr der größte Sportverein der Stadt, sondern der 1. FC Union. Das schmerzt noch zusätzlich.

Warum aber ist das so, warum schafft es die Hertha einfach nicht, positive Gefühle auszulösen?

Als der Verein Anfang der zehner Jahre als Fahrstuhlmannschaft mal auf- und dann wieder abstieg aus der ersten Liga, sorgte das bei den Berlinern für kaum mehr als ein Schulterzucken.

Selbst Hertha-Fans haben ein eher kühles Verhältnis zu ihrem Herzensverein

Selbst bei Hertha-Fans, die auch ein eher unterkühltes Verhältnis zu ihrem Herzensverein zu haben scheinen. Anlässlich einer dieser Abstiege vor elf Jahren wurde schon damals in dieser Zeitung versucht herauszufinden, warum Herthaner von diesem Ereignis, das eigentlich einem Weltuntergang gleichkommen müsste, so wenig angefasst wirkten. Johannes Kopp, der sich auf Spurensuche begab, sagt heute: „Am interessantesten fand ich den Erklärungsansatz, dass es in der Hertha-Geschichte an Spielen fehlt, aus denen heraus ein Mythos hätte entstehen können. Alle anderen Fans von Vereinen schwärmen sofort von irgendwelchen Schlüsselspielen, Sternstunden, haben gemeinsame Fixpunkte.“

Das Derby: Am 4. April spielt der 1. FC Union gegen Hertha BSC. Angesichts der aktuellen Coronalage werden auch beim Derby keine Zuschauer im Stadion An der Alten Försterei dabei sein. Ein Pilotprojekt zur Rückkehr von Zuschauern, das ursprünglich bei dem Spiel am Ostersonntag geplant war, wurde abgesagt. Das Hinspiel im Dezember im Olympiastadion gewann Hertha mit 3:1.

Die Lage: Aktuell steht Union in der Fußballbundesliga auf dem 7. Platz. Hertha ist mit derzeit 24 Punkten 14., hat aber nur 2 Punkte mehr als Arminia Bielefeld, die momentan als 17. auf einem direkten Abstiegsplatz rangieren. Auch bei den Mitgliederzahlen hat Union Hertha den Rang abgelaufen: mit insgesamt 37.360 Mitgliedern konnten die Köpenicker als nunmehr größter Hauptstadtverein an den Charlottenburgern mit 37.192 Mitgliedern vorbeiziehen.

Hertha anscheinend nicht. Da gab und gibt es immer nur fußballerisches Mittelmaß. Der Verein ist fast 130 Jahre alt, man nennt ihn gerne „Alte Dame“, aber was fehlt, ist ein verbindendender historischer Mythos, zu dem auch ein wenig fußballerischer Glanz gehört, etwa dieses eine große Spiel irgendwann, das man knapp in der letzten Minute gewonnen hat und an dem man sich selbst Generationen später immer noch erwärmen kann. Gibt es bei Hertha nicht. „Ungünstige Voraussetzungen, um außerhalb der Hertha-Sozialisationsblase Anhang dazuzugewinnen“, glaubt heute der taz-Redakteur.

Und es ist ja nichts besser geworden seither mit der Hertha. Im Gegenteil. Auf den ungeliebten Manager Dieter Hoeneß, der Herthas Geschicke die nuller Jahre hindurch leitete, folgte der noch unbeliebtere Manager Michael Preetz, der es den Fans nie recht machen konnte und der unkündbar schien, obwohl er Managementfehler an Managementfehler reihte. Bis es Anfang dieses Jahres dann doch für ihn vorbei war. In seine Zeit fällt auch das bizarre Kapitel mit dem Trainer Jürgen Klinsmann, der es nur 76 Tage in der Hauptstadt aushielt und dann hinschmiss, weil er meinte, Hertha BSC sei ein unreformierbarer Verein.

Was ihm viele Hertha-Fans erstaunlicherweise gar nicht mal übel nehmen wollten, denn sie meinten: Eigentlich hat er ja recht, der Klinsmann.

Mit dem Kurzzeit-Trainer kam auch der Begriff vom „Big City Club“ in die Welt und die Idee, die Hertha sei ein schlafender Riese, den man nur wecken müsse. Woran auch der Investor Lars Windhorst glaubt, der seit einer Weile in die Hertha viel Geld pumpt. Was zum nächsten großen Problem des Vereins führt: die grotesk große Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Der Big City Club ist aktuell abstiegsbedroht, und trotzdem werden immer weiter große Töne gespuckt. Der neue Geschäftsführer des Vereins, Carsten Schmitt, gab erst jüngst zu Protokoll: „Wir wollen die größte Aufholjagd, die der deutsche und vielleicht der internationale Fußball je erlebt hat, einleiten und zum Erfolg führen.“ Selbst in den Niederungen des Abstiegskampfs werden noch Superlative verwendet.

Diese fehlende Demut trägt schon seit Jahrzehnten nicht gerade zur Steigerung der Imagewerte bei. Der in Berlin lebende Schriftsteller und Fußballkenner Max Annas (erklärtermaßen Fan des 1. FC Köln) sagt, dass diese Großkotzigkeit bei ihm sogar dann doch noch diese großen Gefühle ausgelöst habe, die Hertha sonst eigentlich nur selten entgegengebracht werden: „Für mich war es Dieter Hoeneß’ großmäuliges Auftreten. Bis dahin war Hertha für mich und andere, die ich kenne, ein Club wie jeder andere, er interessierte uns nicht. Aber nach dem Spruch: ‚Hauptstadt-Club – Champions League‘, gefühlt in jedes herumstehende Mikrofon gerufen, haben wir Hertha alle gehasst.“

Auch Patrick Thülig (Schalke-Fan, der sagt, Hertha sei ihm egal), Vorstandsmitglied im Berliner Verein Brot & Spiele, der Sport- und Fußballevents in der Stadt organisiert, glaubt, diese Wichtigtuerei sei wegen fehlender Substanz in der Wirklichkeit ein Problem: „Im Vergleich mit den anderen europäischen Hauptstadtclubs kommt Hertha halt eher schlecht weg. Daran muss man sie messen und damit wird sie oft – Stichwort halbleeres Stadion – aufgezogen.“

Wenn man sich weiter umhört bei Fußballfans in der Hauptstadt, um noch mehr dazu herauszufinden, warum Hertha regional und überregional ein so schlechtes Standing hat, werden noch allerlei weitere Theorien genannt, aber eine wirklich schlüssige, die alles erklärt, hat eigentlich niemand parat.

Berlin biete eben so viel mehr als Fußball, glaubt ein befragter Hertha-Fan, Kunst und Kultur spiele hier einfach eine größere Rolle als der Fußball. Außerdem gebe es mit Alba und den Eisbären Konkurrenz durch andere in der Hauptstadt populäre Sportarten.

Ein Fan von Tasmania Berlin, von Hause aus der Hertha in Feindschaft verbunden, glaubt: „Westberliner stören sich immer noch an alten Geschichten und hatten hässliche Erlebnisse mit Hertha-Fans, den ‚Fröschen‘.“ Die oft rechtsgerichteten „Frösche“, Hooligan-Fans der Hertha, spielen heute zwar so gut wie keine Rolle mehr. Aber nach dieser Erklärung des Tasmania-Fans prägt diese Fanvereinigung immer noch das Bild der Hertha mit. Wobei der befragte Hertha-Fan sagt, die Anhänger seines Lieblingsclubs von heute seien mehrheitlich eher links.

Die Hertha, sie bleibt ein wenig ein großes Rätsel. Aber Rätsel können auch interessant sein. Darauf könnte der Verein ja vielleicht aufbauen.

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