Hallescher FC will keine rechtsextremen Fans: "Schluss mit dem Ultra-Quatsch"

Rechtsradikale und gewalttätige Fans des Halleschen FC haben immer wieder für Negativ-Schlagzeilen gesorgt. Der Klub steuert gegen: Das Spiel gegen Tükiyemspor Berlin verlief friedlich.

Ausschreitungen sind beim HFC an der Tagesordnung: Ein Fan liegt blutend am Boden. Bild: dpa

Eine Zentnerlast scheint von ihm abgefallen zu sein. "Natürlich bin ich erleichtert, dass nichts passiert ist", sagt Steffen Kluge, der Leiter des Fanprojekts Halle. Türkiyemspor Berlin war zu Gast im Kurt-Wabbel-Stadion. Beim Halleschen FC sorgte man sich im Vorfeld der Regionalliga-Partie gegen den Kreuzberger Migrantenverein, dass einige aus der rechtsextremen Szene wieder auffällig werden könnten.

Mit Akribie hatte man sich beim HFC auf das Spiel vorbereitet. Kluge trommelte vergangene Woche den zehnköpfigen Fanbeirat zusammen, in dem Vertreter der Ultraszene und anderer Fanclubs zusammengeschlossen sind. Die Versammelten wurden darauf eingeschworen, ihren Einfluss geltend zu machen und jegliche Entgleisungen im Ansatz zu unterbinden. Insbesondere bat Kluge darum, ein Auge auf die im Stadion Unbekannten zu werfen. Ein Szenario wie in Chemnitz, als sich vor einem Monat eine von außen kommende rechtsextreme Gruppierung mit fremdenfeindlichem Gehabe gegen Türkiyemspor in Szene setzte, wollte man unter allen Umständen verhindern. Es seien auch einige in der Kurve gewesen, die er da noch nie gesehen hätte und die die anderen aufstacheln wollten, berichtet Kluge. Aber: "Die HFC-Fans haben sich vorbildlich verhalten."

Vor dem Spiel, das am Sonntag 1:1 endete, hatten die Organisatoren vom Fanprojekt die Anhänger von Türkiyemspor ins Fanhaus eingeladen. Das Schokoladenkuchenessen bei Kerzenschein eröffnete Kluge mit den Worten: "Jetzt können wir einmal in gemütlicher Runde schnacken." Dem Angebot auf beiden Seiten waren nur acht Fans gefolgt. Doch wichtiger war etwas anderes. "Wir wollten ein Zeichen setzen gegen jede Form von Fremdenfeindlichkeit", betont Steffen Kluge. Anders als andere Vereine schreckt man beim HFC nicht mehr vor Aktionen zurück, die einige Hallenser Fans als Zumutung empfinden. "Wir lassen uns von euch nicht den Mund stopfen", gab ein HFC-Anhänger einem Türkiyemspor-Vertreter mit auf den Weg ins Fanhaus.

Beim Kaffee mit den Berlinern räumte ein kritischer Hallenser ein, der Club hätte ja früher versucht, einiges unter der Decke zu halten. "Früher ist aber noch nicht lange her", erwiderte Torsten Hahnel, der beim Verein Miteinander e. V. die Arbeitsstelle Rechtsextremismus bekleidet. Er erinnerte an den Presseboykott, den der HFC im Frühjahr verhängte, weil ihm die Berichterstattung über die "Juden Jena"-Rufe nicht gefiel, die aus der Fankurve erschallt waren.

Der HFC wird beim DFB als Wiederholungstäter geführt. Für bundesweites Aufsehen sorgten vor zwei Jahren die rassistischen Schmähungen, die den schwarzen Gästespieler Ade Ogungbure dazu bewegten, den Krakeelern den Hitlergruß zu zeigen. Und im August musste das Pokalspiel gegen Hannover 96 wegen der Randale einheimischer Fans unterbrochen werden. Es folgte wieder einmal eine Geldstrafe vom DFB. Der HFC verzichtete beim nächsten Spiel gegen Sachsen Leipzig auf Einnahmen, indem er nur eine begrenzte Zuschauerzahl ins Stadion ließ.

Weitere Skandale kann man sich im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr leisten. Aufgrund der großen finanziellen Belastungen fürchtet der Verein um seine Existenz. Deshalb schrieben die Spieler in Abstimmung mit der Vereinsführung einen überaus deutlichen öffentlichen Brief an die Fans. Darin hieß es, man schäme sich für die "kriminellen Chaoten". Und man drohte: Beim nächsten Gewaltausbruch oder Ertönen rassistischer Sprüche würde man sofort den Platz verlassen. Der ganze "Ultra-Quatsch" würde sie sowieso "nicht die Bohne" interessieren.

Die Clubführung reagierte nicht nur mit Stadionverboten, sondern untersagte auch diverse Fanutensilien im Stadion wie Doppelhalter und Megafon. Viele HFC-Anhänger fühlen sich kriminalisiert.

Der Regionalligist steht unter einer extremen Spannung. Im aktuellen Stadionheft Der Chemiker wähnt ein Fan den Club trotz des sportlichen Erfolgs "am Rande des Zerfalls in 1.000 Teile". Die Angst um den Verein motiviere viele, sich entschieden gegen Gewalt und Rassismus einzusetzen, bekennt Fanprojektleiter Kluge. So mancher habe es aber auch satt, in die rechtsextreme Ecke gestellt zu werden.

Murat Dogan, ein Vertreter von Türkiyemspor, begrüßt die Initiativen von Halle, die man bei anderen Vereinen so noch nicht erlebt habe. Das Spiel habe gezeigt, so Dogan, dass die Vereine trotz gegenteiliger Behauptungen auch gezielt Einfluss nehmen können.

Beim HFC ist so manches in Bewegung gekommen. Hahnel von Miteinander e. V. lobt, dass man anders als früher nun auch mit Partnern von außen kooperiere. Der Vereinspräsident Michael Schädlich würde in diesem Monat an einer Podiumsdiskussion seiner Organisation in Halle teilnehmen, bei der es um Ausgrenzung und Integration im Fußball ginge. Und mit dem Fanprojekt arbeite man schon länger zusammen.

Es bleibt jedoch ein Balanceakt. Kluge weiß um die Gefahren. Die Ausschreitungen beim Pokalspiel gegen Hannover hätten ihn überrascht, erzählt er. Dass so etwas wieder passiert, kann er nicht ausschließen. Die Stadt Halle stellte seinerzeit das Fanprojekt infrage und verlangte von Kluge, der Polizei die Namen der Übeltäter zu nennen. Wäre er dem Wunsch nachgekommen, hätte dies sein weiteres Wirken unmöglich gemacht. Denn er ist auf das Vertrauen aus der Szene angewiesen. Kluge ist sich bewusst, dass es bei der Fanarbeit ein Nähe-Distanz-Problem gibt. Aber er ist bereit, sich auf die Finger schauen zu lassen. Die Universität, so sein Plan, solle die Arbeit des Fanprojekts evaluieren.

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