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„Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“

Lüneburg präsentiert den Philosophen Immanuel Kant in einer neuen Daueraustellung

Immanuel Kant (1724–1804) gilt als einer der wichtigsten Philosophen weltweit und beeinflusst das Denken bis heute. Er hat die europäische Geistesgeschichte geprägt, sein „Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ gilt als „Wahlspruch der Aufklärung“. In Lüneburg wird ihm seit Frühling erstmalig in Deutschland ein ganzes Museum gewidmet.

Wer es betritt, der stößt auf Kant-Münzen, Kant-Büsten, Kant-Briefmarken sowie Zitate zu Kant von großen Denkern wie Hannah Arendt („Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen bei Kant“) oder Friedrich Engels („Wir deutschen Sozialisten sind stolz darauf, dass wir abstammen … auch von Kant, Fichte und Hegel“). Kant-Superstar?

„Wir wollen ihm kein Denkmal setzen und die Besucher auch nicht zu Kant-Experten machen, sondern Neugier wecken und Gedankenanstöße liefern“, sagt Joachim Mähnert, Direktor des Ostpreußischen Landesmuseums, dem das Kant-Museum angeschlossen ist. Es gliedert sich in drei große Bereiche: Erkenntnis, Moral und Politik. Originale Ausstellungsstücke sind rar – weil es nur noch wenige erhalten gebliebene Objekte gibt. Dazu zählt die Erstauflage seines Buches „Zum ewigen Frieden“ von 1795. Es gilt bis heute als aktuell – nicht zuletzt wegen Kants Aussage, dass Frieden mehr bedeutet als ein Waffenstillstand, den man bei nächster Gelegenheit wieder zu brechen gedenkt.

An anderer Stelle werden hinter einer Vitrine eine Pickelhaube, ein Stahlhelm und ein blauer Helm der UN-Truppen präsentiert. Friede durch Recht und Gesetz ist möglich, wenn ein globaler Staatenbund den Weltfrieden garantiert – davon war Kant überzeugt. Der Völkerbund und später die Vereinten Nationen sind auf Grundlage dieser Ideen entstanden. Auf Einwände und somit auch die heutige Kritik an der UN hat Kant schon einst mit der Bemerkung reagiert: „Aus so krummem Holze, als woraus der Menschen gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.“

In der neuen Dauerausstellung geht es an Tafeln und Medienstationen auch um das persönliche Umfeld von Kant und um seine Heimatstadt Königsberg, die er fast nie verlassen hat. Die einzige Großstadt in Ostpreußen war um das Jahr 1800 mit 60.000 Einwohnern größer als München – einen Eindruck von der Architektur können Besucher in einem Film bekommen, der auf der Grundlage eines Modells die Bedeutung Königsbergs zu erfassen versucht. Kein Thema in der Ausstellung ist das heutige Kaliningrad. In der russischen Enklave gibt es seit Kurzem ebenfalls ein Kant-Museum. „Dort glorifiziert man Kant und bezeichnet ihn als Russen. Das hat nichts mit der Realität zu tun“, sagt Mähnert.

Im Erdgeschoss des Lüneburger Museums befindet sich das Forum, in dem Besucher mit Experten über grundlegende Fragen diskutieren können. Einer von ihnen ist Marcus Willaschek, Professor für Philosophie an der Uni Frankfurt am Main. Er hatte vor zwei Jahren, als anlässlich des 300. Geburtstages Kants die Kritik an ihm wegen rassistischer, antisemitischer und frauenfeindlicher Äußerungen immer lauter wurde, darauf hingewiesen, dass auch ein großer Denker wie Kant selbstverständlich von den in seiner Zeit verbreiteten Vorstellungen beeinflusst war.

„Dass Kant Frauen nicht die vollen Bürgerrechte zuerkennt, nicht die Fähigkeit zur Mündigkeit im selben Sinn, wie Männer sie haben, zuspricht, können wir nicht akzeptieren“, so Willaschek. „Ich glaube, wir sind uns einig, dass wir keinen musealen Umgang mit Kant pflegen können, wenn wir ihn im Hinblick auf unsere heutigen Probleme betrachten wollen.“ Genau diese Forderung erfüllt das neue Museum, indem es die Kritik an Kant nicht verschweigt und anregt, sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Joachim Göres

Kant-Museum im Ostpreußischen Landesmuseum, Heiligengeiststraße 38, 21335 Lüneburg

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