piwik no script img

HG schlägt Diebe in die Flucht

Der Inhaber des Gemischtwarenladens mit Revolutionsbedarf wird überfallen – und wehrt sich

Von Peter Nowak

Ausgerechnet am „Tag der Arbeit“ wurde ein Symbol des autonomen Kreuzberg Opfer eines Raubüberfalls. Gegen 17.30 Uhr am 1. Mai wurde Hans Georg Lindenau in seinen „Gemischtwarenladen mit Revolutionsbedarf“ überfallen. „Es waren zwei schlanke Männer, die mit den Worten ‚Das ist ein Überfall‘ einen Kunden aus dem Laden stießen“, schildert der auf den Rollstuhl angewiesene Lindenau, der nur HG genannt wird, der taz den Vorfall.

Die Männer hätten die Aushändigung seiner Geldbörse gefordert, doch er habe die Waffe als Schreckpistole erkannt und sich gewehrt, indem er einen der Männer boxte und ihm mit seinem Rollstuhl in eine Ecke stieß. „Darauf hob er meine Mütze hoch und schlug mir mehrmals mit der Pistole auf Kopf und Nacken“, beschrieb HG das Vorgehen des Täters.

Mittlerweile kam ein weiterer Kunde, der sich im hinteren Teil des Ladens befand, HG zu Hilfe. Die Täter flüchteten ohne Beute, die Polizei ermittelt. HG ließ seine Kopfverletzungen im Krankenhaus behandeln, am Freitag wurde er auf eigenen Wunsch entlassen. „Der Heilungsprozess verläuft gut“, sagte HG, der bereits wieder in seinem Laden in der Falckensteinstraße arbeitet. Doch der Schock sitzt tief. Mit Entsetzen nahmen auch viele Freun­d*in­nen und Ge­nos­s*in­nen die Nachricht von dem Überfall auf. Schließlich sind HG und sein Gemischtwarenladen mit Revolutionsbedarf „das Überbleibsel eines wilderen Kreuzberg“, wie es der Tagesspiegel einmal ausdrückte. Seit fast 40 Jahren betreibt HG seinen Laden, der zunächst an die Kreuzberger Be­set­ze­r*in­nen­be­we­gung angebunden war. Bis 2016 war sein Domizil in der Manteuffelstraße 99, woran das Kürzel M99 noch erinnert. Dann wurde er dort Opfer der Verdrängung. Nach längeren Auseinandersetzungen und einer großen Solidaritätskampagne unter dem Teil „HG bleibt“ konnte er in der Falckensteinstraße in einen neuen Laden einziehen.

Doch auch dort werden die Veränderungen des Stadtteils sichtbar. „Die linken Jugendlichen, die oft aus kleineren Orten kamen, um bei HG T-Shirts und linke Literatur kaufen, bestellen jetzt im Internet“, sagt Fred, ein langjähriger Bekannter. „Vielleicht erinnert der Überfall manche daran, dass es den Laden noch gibt“, ist seine Hoffnung.

Am Tag nach dem Überfall war der Andrang tatsächlich groß. Viele Besucher erkundigen sich nach dem Befinden von HG und fragten, wie sie ihn unterstützen können.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen