: Groß werden mit Gasmasken
Von Krieg und Krisen profitiert: Eine ausführliche Biografie über den Lübecker Unternehmer Heinrich Dräger verbindet Unternehmens- und Zeitgeschichte
Foto: Drägerwerke AG/dpa
Von Friederike Grabitz
Im Lübecker Quartier St. Lorenz Süd liegt die Zentrale der Drägerwerke – eine kleine Stadt in der Stadt. Dräger ist der größte Industrie-Arbeitgeber Lübecks, 5.000 der 16.600 Mitarbeitenden des internationalen Konzerns arbeiten hier. Die Backsteingotik-Industriehallen reihen sich aneinander, Efeu umrankte Bürogebäude, eine Halle mit einem Turm und ein historizistisches Kontorgebäude, in dem schon die Gründer Ende des 19. Jahrhunderts gearbeitet haben. An der Wasserseite türmen sich in einem kleinen Park jüngere Bauten auf, vor allem eine gigantische Doppel-Acht aus Glasbeton, die Labore beherbergt.
Der Hersteller von Medizin- und Sicherheitstechnik gibt sich gern als traditioneller Familienbetrieb mit Geschichtsbewusstsein. Dräger hat ein eigenes Archiv mit eigenem Dokumentar, eine eigene Zeitschrift, die schon seit 1912 erscheint, und auf seiner Homepage gibt es einen virtuellen 360 Grad-Rundgang über das Gelände und seine Geschichte.
Nun hat das Unternehmen die Geschichte seines dritten Firmenleiters Heinrich Dräger als Buch in Auftrag gegeben. Der 1898 Geborene war es, der aus dem mittelständischen Betrieb einen Konzern machte. Das als einbändig geplante Buch wurde ein mächtiges Werk in drei Teilen, dessen erster Band über Drägers Leben bis zum Jahr 1931, als er Alleininhaber des Unternehmens wurde, nun erschienen ist. Er ist in Leinenbindung schön verarbeitet, ausführliche Fotostrecken illustrieren die Texte mit teils bisher unveröffentlichten Bildern.
Der Autor Michael Kamp recherchierte in firmeneigenen und städtischen Archiven, führte Gespräche mit Zeitzeugen und stöberte in Quellen zur Zeitgeschichte. In Fußnoten und einem akribisch geführten Quellennachweis hat er das alles dokumentiert, gleichzeitig ist der Band durch seine szenische Schreibweise sehr gut lesbar. Es ist ein Auftragswerk, soll aber gleichzeitig den Anspruch haben, „auch Brüche, Schwierigkeiten und Probleme“ darzustellen, schreibt der Autor im Vorwort, denn nur dann sei es „auch nachfolgenden Generationen von Nutzen“. Deshalb habe es „keine Zensur gegeben“. Tatsächlich kommt Dräger nicht immer gut darin weg.
Sein Opa, ein Uhrmacher und Erfinder, hatte die Firma gegründet und der Vater begonnen, das internationale Geschäft aufzubauen, vor allem in den USA. Das Drägerwerk stellt unter anderem Atemschutz, OP-Masken und Beatmungsgeräte her, aber auch Gasmasken für den Krieg. Die beiden Weltkriege - und später auch die Corona-Pandemie - sorgten für lukrative Großaufträge.
Am Ersten Weltkrieg nahm auch Heinrich Dräger teil. Angesteckt von allgemeiner Kriegsbegeisterung meldete sich der kaum 18-Jährige nach einem verkürzten „Not-Abitur“ 1916 freiwillig zum Krieg. Als Soldat in Frankreich machte er Selbstversuche mit Gasmasken, untersuchte eigene und fremde Fabrikate und beschrieb in Briefen nach Hause ausführlich, was an ihnen verbessert werden könnte.
Trotz des technischen Interesses orientierte er sich nach dem Krieg zuerst anders: Er studierte Agrarwissenschaften und übernahm als Verwalter ein Landgut bei Lübeck, das der Familie gehörte. In seinen Abschlussarbeiten beschäftigte er sich kritisch mit der Situation von Landarbeitern, gleichzeitig lehnte der liberalkonservativ eingestellte Dräger die linke Räterepublik ab. Er war als Student Teil eines Freikorps, das die Braunschweiger Räteregierung niederschlagen wollte.
Während des Studiums heiratete er Ruth Stubbe. Sie bekamen zwei Kinder, doch er verbrachte viel Zeit ohne die Familie. Als 1928 der Vater starb, wechselte er in den Vorstand des Drägerwerks, während die Familie weiterhin auf dem Gut wohnte. Er setzte sich in einem Streit mit seinem Schwager durch und leitete fortan das Unternehmen. Parallel studierte er Technik und Wirtschaft in Berlin und machte Dienstreisen etwa in die Sowjetunion.
Zeitgeschichtliche Hintergründe dieser Art geben der Fabrikanten-Biografie eine Relevanz über Lübeck hinaus. Was nichts daran ändert, dass die Leserschaft für das Thema eher klein sein wird: Wer nimmt sich die Zeit, drei dicke Bände mit jeweils rund 300 Seiten zu lesen, wenn es dann auch noch das Auftragswerk einer Firma über ihren früheren Chef ist?
Michael Kamp: „Heinrich Dräger: Unternehmer, Publizist und Stifter. Band 1: Jugend und Findung – Die Jahre 1898 bis 1931“. Siedler, 340 S., 39 Euro
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