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Größere Not, weniger Geld

Katastrophen, Hunger, Vertreibung: Humanitäre Krisen verschärfen sich weltweit – die staatlichen Gelder für die Entwicklungszusammenarbeit und die Nothilfe brechen teilweise dramatisch ein. Hilfsorganisationen sind zunehmend auf Zuwendungen aus Spenden und Erbschaften angewiesen

Von Volker Engels

Somalia, Gaza, die Ukraine, der Jemen die Demokratische Republik Kongo oder die Sturzflut in Nepal: In zahlreichen Regionen der Welt sind Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Es fehlt an allem: an Lebensmitteln, sauberem Wasser, medizinischer Versorgung und sicheren Unterkünften. Kriege und bewaffnete Konflikte treffen dabei häufig auf Armut, marode Gesundheitssysteme sowie die Folgen von Dürren, Überschwemmungen und andere Naturkatastrophen.

Gleichzeitig wächst der Hilfsbedarf schneller als die verfügbaren Mittel. Mehrere wichtige Geberstaaten haben ihre Budgets für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe teilweise massiv gekürzt, allen voran die USA. Für Hilfsorganisationen bedeutet das, dass Programme reduziert, verschoben oder ganz eingestellt werden müssen.

In Deutschland protestiert ein Bündnis großer Hilfs- und Entwicklungsorganisationen mit der Petition „Solidarität nicht kaputtsparen“ gegen geplante Kürzungen bei Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer Hilfe. Der Etat des Bundesentwicklungsministeriums (BMZ), aus dem zahlreiche Maßnahmen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit finanziert werden, soll 2027 von 10,06 auf 9,47 Milliarden Euro sinken – mehr als 586 Millionen Euro weniger als im Vorjahr.

Die Hilfsorganisation Care, die weltweit Menschen in Armut und Krisen unterstützt, besonders durch Nothilfe und langfristige Entwicklungsprojekte, berichtet von den unmittelbaren Auswirkungen, wenn sich Geberländer zurückziehen. Beispiel Somalia: Aufgrund massiver Finanzierungslücken seien landesweit Hunderte Gesundheitszentren geschlossen worden. Millionen Menschen, besonders schwangere Frauen, stillende Mütter und Kinder, hätten keinen Zugang mehr zu lebenswichtiger medizinischer Versorgung. Vermeidbare Krankheiten wie Cholera, Masern und Diphtherie breiteten sich aus. Rund 6 Millionen Menschen seien in Somalia von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen. Die globalen Störungen in den Lieferketten, unter anderem wegen der Schließung der Straße von Hormus, treiben die Kosten für Lebensmittel, Treibstoff und Hilfsgüter weiter in die Höhe.

Somalia ist kein Einzelfall. „Ähnliche Meldungen gibt es aus vielen Regionen der Welt, zum Beispiel aus dem Irak über Syrien bis zum Libanon und Südamerika, sagt Anica Heinlein, die den Bereich Politik bei Care Deutschland leitet. Auch der Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo zeige die Folgen: „Wir haben lange nichts davon gewusst, dass Ebola ausgebrochen ist, weil es die Gesundheitszentren mit ihrem Fachpersonal, das den Ausbruch festgestellt hätte, auch nicht mehr gab.“ Entwicklungszusammenarbeit bedeute, dass es eine intensive Zusammenarbeit mit lokalen Partnerorganisationen vor Ort gebe. „Sie sind die Ersten, die zumachen müssen, wenn die Finanzierung wegbricht.“ Wenn die Projekte später wieder hochgefahren werden sollen, ist das Fachpersonal nicht mehr vor Ort, weil es sich beruflich anders orientieren musste. In Deutschland engagieren sich zahlreiche Hilfsorganisationen im Kampf gegen Ebola.

Als humanitäre Hilfsorganisation mit christlichen Wurzeln leistet Medair vor allem in Krisen- und Katastrophengebieten weltweit Nothilfe, etwa durch medizinische Versorgung, die Bereitstellung von sauberem Wasser und die Errichtung von Notunterkünften. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine ist Medair auch dort in der humanitären Hilfe aktiv.

Anfang September steht Britta Kollberg mit ihrem Telefon vor dem Büro der Organisation in Charkiw. Derzeit geht es vor allem darum, beschädigte Gebäude „winterfest“ zu machen. „Heute haben wir hier 28 Grad, im Winter werden es minus 28 Grad sein“, erzählt die geschäftsführende Vorständin von Medair Deutschland, die gerade Hilfsprojekte vor Ort besucht. Ein kleines Team der Hilfsorganisation koordiniert die Arbeit des ukrainischen Fachpersonals, das Fenster oder zerstörte Heizungen repariert und kaputte Wasser- und Abwasserleitung ersetzt. „Nach Angriffen haben manche Ortschaften wochenlang kein Wasser, da müssen wir schnell handeln.“

Weichen stellen

Nur etwa ein Drittel der Deutschen gestaltet seinen Nachlass selbst. Dann gilt das gesetzliche Erbrecht.Dieses berücksichtigt ausschließlich die Familie eines verstorbenen Menschen. Wollen Erblasser mit ihrem Vermögen gemeinnützige Organisationen unterstützen, sie also als Erbe oder Vermächtnisnehmer einsetzen, braucht es dafür eine letztwillige Verfügung. Der Internationale Tag des Testaments soll alle, die das nicht wissen, am 13. September 2026 darauf aufmerksam machen.

Aufgrund der psychischen Belastungen ist der Bedarf an psychosozialer Beratung immens. „Fast jede Stunde gehen die Sirenen los. Die Menschen wissen, dass viele der Geschosse, die sie hören, auch einschlagen.“ Viele ältere Menschen, die an der Frontlinie leben werden von So­zi­al­ar­bei­te­r*in­nen versorgt, die von Medair zusätzlich medizinisch geschult wurden. Diese Dörfer sind mit dem Auto nur schwer zu erreichen, weil sie schnell zum Ziel russischer Angriffe werden. „Darum haben wir E-Bikes angeschafft – die werden nicht beschossen.“

Ob Somalia, die Ukraine oder anderswo: Private Spenden sind für Hilfsorganisationen mehr als eine zusätzliche Einnahmequelle. Sie sind oft die Voraussetzung dafür, dass überhaupt größere Fördersummen fließen können. Denn staatliche und institutionelle Geldgeber – etwa deutsche Ministerien oder die Europäische Union – verlangen in der Regel eine Kofinanzierung. Einen Teil der Kosten müssen die Organisationen selbst tragen. „Ohne eigene Mittel könnten viele dieser Fördergelder gar nicht erst beantragt werden“, sagt Britta Kollberg.

Besonders wertvoll sind deshalb ungebundene Spenden, die nicht an ein bestimmtes Projekt, eine Region oder einen Zweck geknüpft sind. „Sie geben Hilfsorganisationen die Freiheit, dort zu handeln, wo Hilfe gerade am dringendsten gebraucht wird, Finanzierungslücken zu schließen oder Kürzungen zumindest teilweise aufzufangen“, unterstreicht auch Heinlein.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen