Graphic Novel und Jugendroman

Junge Helden auf neuen Wegen

Freundliche Illustrationen und Nachkriegszeit: über die Kinder- und Jugendbücher von Herbert Günther, Sara Pennypacker und Øyvind Torseter.

Eine Figur sitzt auf einem Pferd uns sagt „Dann bringe ich meine Brüder mit“

Abbildung aus Øyvind Torsetes „Der siebente Bruder oder Das Herz im Marmeladenglas“ Foto: Gerstenberg Verlag

Jon Klassens freundliche Illustrationen verbreiten eine verhalten optimistische Stimmung in Sara Pennypackers Roman „Mein Freund Pax“. Tröstlich, denn das Buch der 1951 in Massachusetts, USA, geborenen Autorin ist alles andere als leichte Kost.

Es handelt von der innigen Freundschaft zwischen dem 13-jährigen Peter und Pax, einem jungen Fuchs. Schon auf den ersten Seiten werden die beiden von Peters Vater rücksichtslos getrennt – das zahme Tier im Wald ausgesetzt und der Sohn Hunderte Kilometer entfernt beim ungeliebten Großvater untergebracht. Der Vater meldet sich zum Militärdienst, und ein drohender Krieg bildet das Hintergrundrauschen in Pennypackers dramatischer Erzählung.

Auch wenn Ort und Zeit fiktiv bleiben, spielt die Handlung doch deutlich und beunruhigend in der Gegenwart, irgendwo in der nordamerikanischen Provinz. Ein gelber Schulbus sammelt die Kinder ein, Jungs trainieren Baseball, und Peter genauso wie Pax begeistern sich für Erdnussbutter und Hotdogs. Nach der gewaltsamen Trennung will der Junge nur eins: den Fuchs wiederfinden, der nach dem Tod der Mutter zu seinem einzig Vertrauten geworden ist.

Herbert Günther: „Der ­Widerspruch“. Gerstenberg ­Verlag, Hildesheim 2017. 224 Seiten, Hardcover, 16,95 Euro. Ab 14 Jahren

Sara Pennypacker, Jon Klassen (Illustration): „Mein Freund Pax“. Aus dem Englischen von Birgit Kollmann. S. Fischer, Frankfurt 2017. 300 Seiten, Hardcover, 16,99 Euro. Ab 10 Jahren

Øyvind Torseter: „Der siebente Bruder oder Das Herz im Marmeladenglas“. Aus dem Norwegischen von Maike Dörries. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2017. 120 Seiten, Hardcover, farbig illustriert, 26 Euro. Ab 10 Jahren

Heimlich reißt er aus, um sich quer durch die Wälder auf die Suche nach dem Freund zu machen. Dort in Not geraten, trifft Peter auf die zurückgezogen lebende, kriegsversehrte Vola, während Pax die Wildnis zunächst als unbekannt und bedrohlich erlebt. Aus dem Wechsel der Perspektiven erhält die Erzählung über eine kräftezehrenden und herausfordernde Suche nach dem eigenen Weg im Leben ihren Spannungsbogen.

Beklemmende Verhältnisse

Eine Auswahl von Kinder- und ­Jugendbüchern aus dem Frühjahrsprogrammen der Verlage:

Zauberlupenbuch: Aina Bestand, „Was versteckt sich da im Wald?“ (aus dem Spanischen von Maria Meinel, 24 Seiten, Knesebeck Verlag, München 2017, 17,50 Euro, ab 4 Jahren). Der Blick durch die blaue, rote oder grüne Folie legt verdeckte Schichten in dem aus feinen ­Linien ­ornamenthaft ­gezeichneten Dickicht frei und lässt andere verschwinden. ­Magisch. Der Wald lebt.

Bilderbuch: Mariken Jungmann, Yoko Heiligers (Illustration), „Großer kleiner Pottwal“ (aus dem Niederländischen von Meike Blatnik, 40 S., Tulipan Verlag, München 2017. 15 Euro, ab 4 Jahren). So wie sich der junge Pottwal mal verwegen und groß fühlt, dann aber wieder ganz klein und verzagt wird, wechseln auch Yoko Heiligers’ kontrastreiche Illustrationen die Perspektive, zeigen den Ausreißer bei seinem riskanten Abenteuer ganz nah und riesengroß – dann als einen unter vielen Meeresbewohner. Doch nur Pottwale schlafen tief und aufrecht im Wasser.

Sachbuch: Gianumberto ­Accinelli, Serena Viola (Illustra­tion), „Der Dominoeffekt oder Die unsichtbaren Fäden der Natur“ (aus dem Italienischen von Ulrike Schimming, 136 S., S. Fischer Verlag, Frankfurt, 2017, ab 9 Jahren). Anhand von 18 kuriosen Beispielen macht der italienische Insektenforscher Accinelli sichtbar, wie bereits kleine Eingriffe des Menschen in perfekt aufeinander abgestimmte Ökosysteme unabsehbare Folgen haben können; und was etwa die roten Uniformen der Briten mit einer Kaktusplage in Australien zu tun hatten. Sehr Anschaulich. (ecm)

In seinem neuen zeithistorischen Jugendroman „Der Widerspruch“ widmet sich Herbert Günther den beklemmenden Verhältnissen in der Bundesrepublik, gegen die 1968 schließlich die Studentenbewegung revoltierte.

Reni, Robert, Britta und Jonas besuchen 1963 gemeinsam die neunte Klasse in einer westdeutschen Kleinstadt. Sie gehören zur ersten Nachkriegsgeneration. Roberts Vater diente als Berufssoldat in der Wehrmacht, Brittas Eltern flohen aus der DDR in den Westen, Jonas verstorbener Vater wurde als Deserteur auch nach dem Krieg nicht rehabilitiert. Auch unter ihren Lehrern vermuten die Jugendlichen Täter und Opfer des NS-Regimes, doch öffentlich darüber gesprochen wird in der noch jungen Demokratie nicht.

Vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse des Jahres 1963 verfolgt Günther die Entwicklung seiner jugendlichen Protagonisten, die getrieben sind von dem Wunsch, anders als ihre Eltern zu leben. Dabei gelingt es dem 1947 geborene Autor, das gesellschaftliche Klima jener Nachkriegs- und Aufbaujahre einzufangen, in der ein Aufbegehren gegen die Autoritäten nicht vorgesehen ist, doch schon bald nicht mehr aufzuhalten sein wird.

Sieben Königssöhne

Andere Herausforderungen in schwieriger Zeit durchlebt „Der siebente Bruder“ in der gleichnamigen Graphic Novel des Norwegers Øyvind ­Torseter. Das virtuos gezeichnete Märchen erzählt von Hans, dem jüngsten von sieben Königssöhnen, und seinem Abenteuer.

Denn seine Brüder, alles stattliche Minotauren, hält der grausame Troll versteinert in einer Höhle gefangen. So macht sich der dünne Schlaks mit Molch­gesicht als stoischer Antiheld auf den Weg, gemeinsam mit seinem ängstlichen Gaul die Brüder zu befreien.

Gekonnt spielt Torseter mit den klassischen Versatzstücken aus Märchen und Mythologie und wendet sie mit trockenem Humor, umwerfenden Dialogen und einer originären Bildsprache in eine erfrischend zeitgenössische und heitere Außenseitergeschichte.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de