Berliner Szenen: Grafitti-Lektion
A.C.A.B.
Hannah bemerkt das Graffito zuerst, als wir unser Haus verlassen. „Da hat jemand was rangeschmiert. A.C.A.B. Was heißt das Wort?“
Der immer noch nicht ausgestandene Konflikt in der Rigaer hinterlässt auch in der Dolziger Straße seine Spuren. Das ist mal wieder so eine Situation, wo pädagogisches Fingerspitzengefühl verlangt wird.
Melanie stellt sich dumm: „Das wissen wir auch nicht.“
„Mama weiß das vielleicht nicht, Papa aber schon“, widerspreche ich. Dafür ernte ich einen vorwurfsvollen Blick von meiner Freundin. Kann ich etwas dafür, dass sie nicht wie ich früher in der Szene unterwegs war?
„Das ist eine Abkürzung. Das sind immer nur die Anfangsbuchstaben“, erfährt unsere Tochter von mir.
„Und was heißen die Wörter?“, möchte sie wissen.
Ich weiß, dass dieses Akronym verschiedene Bedeutungen haben kann, aber mir fällt natürlich leider gerade nur die geläufigste und vermutlich auch intendierte ein. Sie wird natürlich nach der Übersetzung fragen und sich nicht damit zufrieden geben, wenn ich sie an die Englischlehrerin verweise. Soll ich besser wie meine Freundin lügen oder ihr die Wahrheit sagen? Ich könnte Bastard als uneheliches Kind übersetzen. Alle Polizisten sind uneheliche Kinder. Hört sich gar nicht mehr so schlimm an.
Melanie meldet sich zu Wort; „Das heißt ‚Always carry a bible‘. – Hab immer eine Bibel dabei.“
„Wieso muss man immer eine Bibel dabeihaben?“, wundert sich unsere Tochter. Ich bin ebenso verdutzt wie Hannah, allerdings wegen Melanie. „Es gibt viele Menschen, die finden, dass die Leute mehr an Gott glauben sollten“, erläutert sie.
So schlagfertig hätte ich sie gar nicht eingeschätzt. Das muss sie als Jugendliche in der Jungen Gemeinde gelernt haben.
Stephan Serin
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