Glasbläser in Nordböhmen: Kräftige Kerle, glitzernde Kugeln

Die Geschichte der Glasmanufakturen erzählt auch die Geschichte der Region und ihrer Erneuerung. Glas ist in Tschechien Teil der Identität.

Ein Glasbrenner bei der Arbeit

Das noch heiße, geblasene Glas kommt zum Ausformen in das Model aus Buchholz. Foto: Jürgen Sorges

Prag ist beliebt, laut, voll. Durch die verwinkelten Gassen trotten Besucher meist in Großgruppen. Sie lassen sich auf der Karlsbrücke mit Blick auf die Moldau malen, sie lauschen den unzähligen Straßenmusikern, wenn sie sich nicht vor den auf dem Gehsteig vorbeirollenden Segwaytruppen in Sicherheit bringen.

Und sie kommen unausweichlich am „Bohemia Cristal“ vorbei: Glaskreationen glitzern in unzähligen Auslagen: grün, blau, orange, violett strahlende Gläser, Vasen, Kronleuchter. Und Glasperlen in allen Formen, Farben und Variationen. Verführerisch, knallig bis zum Überdruss. Ob am Wenzelsplatz oder auf dem Weg zum Hradschin, dem historischen Viertel auf dem Burgberg, böhmisches Glas ist das Souvenir aus Tschechien.

Das glitzernde Überangebot trübt leicht den Blick. So manche ausladende Vase, so manches verspielte Glas möchte man dann doch lieber nicht vererbt bekommen. Mit Jiří & Jiří, Landeskennern der besonderen Art, besuche ich Glashütten in Karlsbad, Lindava, Světlá nad Sázavou, Nový Bor, Šenov und Horní Dubenky, wo die gläserne Pracht nach traditioneller Handwerkskunst entsteht.

In der Glasgalerie Minea im Kurhaus von Karlsbad bekommen wir einen Vorgeschmack auf modernes Design. Die Galerie steht für Kunst am Glas, elegant und modern. Radek Stehlik, Glasproduzent und Glasschneidemeister, erklärt uns die Besonderheiten des tschechischen Glases: „Es geht um hochwertiges Glas, in der Regel mit einem hohen Anteil an Bleioxid, mindestens 24 Prozent. Daher wird es Bleikristall genannt. Diese Substanz und spezielle Herstellungsmethoden verleihen dem Glas besondere Härte, sodass es sich gut zum Feinschleifen und zum Gravieren eignet.“

Moser: In dem Werk in Karlsbad gibt es täglich Führungen durch die Produktion und das Glasmuseum: www.moser-glass.com; www.karlovyvary.cz/de

Ajeto: Führungen durch das Glaswerk in Lindava inklusive Produktionsbesichtigung müssen angemeldet werden: www.ajetoglass.com

Preciosa: Das Werk und die Kronleuchter des Herstellers in Nový Šenov können besichtigt werden. Seit 2015 stellt Preciosa auch den Tour-de-France-Pokal her: preciosalighting.com

Bomma: Eine der modernsten Glasereien Europas befindet sich in Světlá nad Sázavou. Kann nach Anmeldung besucht werden: www.bomma.cz

Brokis: Der Designerleuchten-Hersteller empfängt Besucher im großen neuen Schauraum in Horní Dubenky: www.brokis.cz

Liberec: Die Hauptstadt Nordböhmens ist umgeben vom Isergebirge. Mit einer Kabinenseilbahn kann man von hier auf den Berg Jeschken/Ještěd fahren. Der Besuch dort, auch die Übernachtung im Hotel auf dem Jeschken, lohnt sich: jested.cz; www.visitliberec.eu/de

Weitere Informationen: Tschechische Zentrale für Tourismus www.czechtourism.com

Diese Reise wurde unterstützt von der Tschechischen Zentrale für Tourismus.

Es glitzert

Und es glitzert. Das einfallende Licht wird so gebrochen, dass regenbogenartige Farben entstehen. Eignet es sich in seiner ganzen Pracht auch zum Rotweintrinken ohne Bleivergiftung? „Klar“, sagt Stehlik schmunzelnd. „Da passiert nichts. Aber in Tschechien wird ohnehin mehr Bier getrunken.“

Es ist heiß und laut in der Fabrikhalle. Aus dem Radio schmettert Hard Rock, überall stehen Wasserflaschen herum, aber auch Bier ist in diesem schweißtreibenden Ambiente erlaubt

Radek Stehlik bezeichnet sich selbst als begeisterten Glasmeister. Die Arbeit mit Glas scheint – nicht nur für ihn – eine nationale Berufung. „Glashütten entstanden in waldreichen Gegenden. Für die Produktion brauchte man Holz als Energie und Pottasche. Waldglas wurde dieses durch Eisenoxide grünlich gefärbte Pottascheglas genannt“, erzählt Radek Stehlik.

Das böhmische Kristallglas wird traditionell seit dem 16. Jahrhundert hergestellt, hauptsächlich in Nord- und Westböhmen. Seitdem schmücken böhmische Kristalllüster, geschliffene Glasprodukte wie Wein- und Schnapsgläser, Vasen europäische Paläste. Das erste kristallklare Glas wurde Mitte des 15. Jahrhunderts in Venedig geschmolzen, das in der Folge mit Murano-Glas als Glasmetropole Karriere machte.

„Die mitteleuropäischen Feudalherren ahmten mit einheimischem Material das künstlerische Niveau und den Komfort der italienischen Renaissance nach“, behauptet Stehlik. „In der Barockzeit wurde das böhmische Glas beliebt und bekannt: Es konnte geschliffen, geschnitten und somit noch facettenreicher bearbeitet werden.“

Die Moser-Kunst steckt im Handschliff

Weltstars und Prominente schmücken die Galerie des modern grau-schwarz-weiß gestalteten Cafés in der Karlsbader Glashütte Moser: Claudia Cardinale, Gina Lollobrigida, Whoopi Goldberg, Ornella Muti, Gérard Depardieu, Robert Redford. Auch der Papst und das neue spanische Königspaar waren hier. Moser Glas steht für edlen Luxus.

Moser Glas ist bleifrei. Trotzdem weist es eine besondere mechanische Härte auf. Die Moser-Kunst steckt im Handschliff, in der künstlerischen Gravierung. Im Museum können wir die schönsten Exponate bewundern: beispielsweise das Hochzeitsgeschenk an die Prinzessin Elisabeth aus der Edition Splendid, den typischen Goldrandgläsern. Moser-Produkte sind bis heute offizielles tschechisches Staatsgeschenk.

Videoprojektionen erzählen die Geschichte der Glasmanufaktur. Die Brüche in der Firmengeschichte sind typisch auch für andere Glashersteller: 1893 eröffnet Ludwig Moser seine eigene Glashütte, die bald die ganze Österreichisch-Ungarische Monarchie belieferte. Schon damals gab es Moser-Niederlassungen in New York, London, Paris, Sankt Petersburg. Mit dem Einmarsch der Deutschen in die Tschechoslowakei wurde die Fabrik „arisiert“ und zur Glasmanufaktur Karlsbad AG umbenannt.

Arisiert, kollektiviert und privatisiert

1945 wurde der Betrieb verstaatlicht. 1991, nach der Wende, wurde eine Aktiengesellschaft daraus. Heute ist es für Moser ein großer Erfolg, dass Amerika und Russland zu den Hauptabnehmern gehören und auch Thailand, Japan und Südkorea die Gläser mit Gravuren schätzen. Groß im Kommen sind der arabische Markt und China.

Schon seit dem 11. Jahrhundert soll es in Böhmen Glashütten gegeben haben. An der Produktion des handgearbeiteten Glases in der Luxusmanufaktur Moser scheint sich bis heute nicht allzu viel verändert zu haben. Ein bulliger Kerl in kurzen Hosen, verschwitztem T-Shirt, mit verkohltem Gesicht wuchtet das glühende Glas mit dem Hefteisen, der Stahlstange für die Glasentnahme, aus dem Schmelzofen. Der Zweite bläst es mit der Blaspfeife, und der Glasmeister bringt es dann in die endgültige Form.

Es ist heiß und laut in der Fabrikhalle. Aus dem Radio schmettert Hard Rock, überall stehen Wasserflaschen herum, aber auch Bier ist in diesem schweißtreibenden Ambiente erlaubt. 350 Arbeiter sind hier an 7 Tagen in der Woche tätig, auch feiertags, rund um die Uhr.

Eine Sammlung von Gebrauchskunst

Lindava ist ein kleines Nest östlich von Nový Bor mit sozialistischem Plattenbau und alten böhmischen Holzhäusern. Auf dem platten Land liegt die Glasmanufaktur Ajeto. Auch diese Werkstatt kann besichtigt werden. Sie ist klein und überschaubar. Die Prozedur am Schmelzofen ist überall die gleiche. Vasen, Schüssel werden hier in traditioneller Handarbeit hergestellt. Im kleinen Museum kann das Ajeto Art Glass bewundert werden: eine Sammlung von Gebrauchskunst, Kunsthandwerk und modernem Glas.

Touristengruppen kommen im Restaurant der Glaserei, einer restaurierten Scheune, auf ihre Kosten. Die regionalen Spezialitäten, die Knödel, das Kraut, vor allem das regional gebraute Bier, lohnen sich. Regionalbewusstsein, regionalen Konsum, regionale Wanderwege und damit regionale Entwicklung hält man auch in Tschechien hoch.

Die Firma Preciosa, auch bekannt für ihren Schmuck, stellt in Nový Šenov vor allem Kronleuchter her, vorwiegend klassisch, auch modern. Hotels, Theater, arabische Scheichs, russische Oligarchen lassen mit den traditionell produzierten glitzernden Lampen das Interieur veredeln. Schon 1743 schufen tschechische Handwerker einen imposanten Kronleuchter für Maria Theresia.

Das alte Handwerk im Aufwind

Die Entwicklung der prosperierenden Schmuck- und Glasunternehmen in Nordböhmen wurde durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen. 1945 schlossen sich sieben Kristallmanufakturen und achtzehn kleinere Firmen zur Preciosa Gesellschaft zusammen. Preciosa in Nový Šenov ist eine Tochtergesellschaft dieser Gruppe.

Eine Studie der Universität in Liberec/Reichenberg bestätigt: „Die böhmische Glasindustrie ist nach schweren Einbrüchen wieder im Aufwind. Die Konkurrenz durch Billigimporte aus Asien sowie die Wirtschaftskrise trafen den Industriezweig hart.

Die Herstellung von industriell produziertem Glas, Flachglas, Verpackungsglas und Glasfaser, auch für die Škoda-Werke in Mladá Boleslav, steigerte die Produktion. Aber auch das qualitativ hohe Glashandwerk wurde gefördert und vermarktet. Exporte und Gewinne stiegen.

Die neue Generation des Glascuttings

Im 19. Jahrhundert wurde die Glasherstellung mithilfe diverser Erfindungen industrialisiert. Doch konnten das Filigrane und Reine der handgearbeiteten Gläser erst nach vielen Erfindungen erzielt werden. Für eine weitere Industrialisierung der hochwertigen Glasproduktion steht die Firma Bomma in Světlá nad Sázavou. Der Ingenieur Jiří Trtík, Besitzer der Firma , will die langen Tradition des Glascutting in einer neuen Ära fortsetzen.

In Svetlá nad Sázavou, der Wiege der tschechischen Glasschleiferei, wird mundgeblasenes Glas durch maschinellen Schliff veredelt. „Es ist eine industrielle Evolution“, behauptet Trtík. Die Maschine dafür, Bohemia Machine, hat er selbst erfunden. „Wir behalten die Qualität handwerklicher Arbeit, produzieren aber moderner, avantgardistisch und mit den besten tschechischen Designern“, sagt Trtík. In dem kleinen Laden der Fabrik können wir das überprüfen. Jiří, der Begleiter und Glasliebhaber, kann nicht widerstehen. Booma Weingläser, behauptet er, seien schön, modern und trotzdem alltagstauglich und praktisch.

Mit Design punktet auch der Hersteller Brokis in Horní Dubenky. Er fertigt anspruchsvolle Leuchten. In der Produktionshalle ist es brütend heiß, wenn aus unförmigen Klumpen von Glasmasse durchscheinende Glasballons entstehen. Hier werden Leuchten produziert, die aussehen wie Luftballons, wie die Kollektion Balloons von Lucie Koldova und Yan Effet, die Glas mit Metall vereint.

Von der Inszenierung à la Kristallwelten Swarowski in der Erlebnisdestination Tirol, die allein zwischen Mai und Oktober 2015 über 500.000 Gäste aus 60 Nationen anzog, ist man in den unspektakulären Glasmanufakturen in Lindava, Nový Šenov oder Horní Dubenky meilenweit entfernt. Hier sieht man ungeschönt die Produktion der schönen Gläser. Und der riesige bunte Scherbenhaufen auf dem Firmengelände von Brokis zeigt, wie schwierig die Herstellung von Glas eigentlich ist.

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