■ Portrait: Gläubige Absteiger
Schon einen halben Tag vor dem Auftritt vor über 300 Millionen TV-Zuschauern, war sie nervös und ward im Frühstücksraum ihres Hotels nicht gesehen. Sie zog die Abgeschiedenheit ihres Zimmers in Dublin vor: Cheyenne Stone, die weibliche Hälfte des Duos Stone & Stone, zweifelte mal wieder, ob sie ihr weißes Priesterinnengewand zu ihrem Lied „Verliebt in dich“ nun tragen sollte oder nicht.
Cheyenne Stone Foto: Reuter
Im Februar wurde sie vom Mitteldeutschen Rundfunk, in der ARD federführend in Sachen Grand Prix d'Eurovision, händeringend gebeten, doch eine Komposition zu singen, die sie nicht eigens für den Contest geschrieben hat: „I realized it's you“ hieß sie und möge bitte ins Deutsche übertragen werden. So geschah's. Heraus kam ein fusseliger Klangteppich, schwülstig und penetrant zeigefingerhaft in jeder Hinsicht.
Zudem bar jeder musikalischen Idee, die irgendetwas mit der europäischen Popentwicklung zu tun hat. Unplugged war und wirkte das nicht, zumal Cheyenne Stone, aus der Nähe Münchens stammend, offenbar Mühe hat, Töne zu treffen. Da half auch ihr evangelischer Blockflötenblick nichts, auch nicht, daß ihr Mann von der Karibikinsel Aruba kommt, eine dunkle Hautfarbe hat und offensichtlich deutsche Multikultigesinnung nahelegen sollte: Der deutsche Beitrag landete erstmals in vierzig Jahren Grand-Prix-Geschichte auf dem letzten Platz.
Cheyenne Stone selbst hat in einem Interview das Debakel prophezeit: „Glauben ist ahnen, ich aber weiß“, sagte sie. Und: „Ich glaube nicht an den Sieg, nur an uns.“ Hatte man ihr nicht gesagt, daß zum Popgeschäft irgendeine Form der Legende gehört, ein Charisma, eine Geschichte, die sich weitertragen läßt?
Nein, Altmeister Ralph Siegel, Vater von „Ein bißchen Frieden“ und all der anderen mediokren Versuche, Hymnen auf Deutschland und die Welt reimen zu lassen, muß es ihr verschwiegen haben: Fünf Kinder haben die Stones, glauben an Gott und den Kosmos, aber auf der Bühne wirkten sie, als hätte man ihnen gerade die ABM-Stellen gestrichen.
Sie werden wieder in der Versenkung verschwinden, soviel ist gewiß. Was auch immer passiert, hat Cheyenne Stone beteuert, nach dem Grand Prix werden die beiden aus Dankbarkeit feiern. Vielleicht werden sie auf Malta anstoßen: Die Inseljury hatte Erbarmen und schenkte Stone & Stone den einzigen Punkt – es müssen wahre Christen gewesen sein. Jan Feddersen
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