: Gespaltene 'Psyche‘?
Mitscherlichs schweres Erbe: Knatsch in der Zeitschrift bedeutet Ende des alten Blattes ■ Von Horst Brühmann
Die 1947 von Alexander Mitscherlich gegründete Zeitschrift 'Psyche‘ gibt es ab Januar nicht mehr in ihrer bisherigen Form. Der Verlag Klett- Cotta, in dem die angesehene psychoanalytische Monatszeitschrift bisher erschienen ist, hat die Zusammenarbeit mit den bisherigen Herausgebern und dem Redaktionsteam kurzfristig gekündigt. Allein Margarete Mitscherlich, die bisher neben Helmut Dahmer und Lutz Rosenkötter in dem von ihrem Mann bestimmten Herausgebergremium tätig war, steht Klett-Cotta als Herausgeberin eines Nachfolgeblattes zur Verfügung.
Der Bruch markiert den Höhepunkt eines seit längerem schwelenden Konflikts zwischen Dahmer, Rosenkötter und den beiden 'Psyche‘-Redakteuren auf der einen und Frau Mitscherlich auf der anderen Seite. Einigkeit besteht nur noch darin, das gegenseitige Verhältnis als „evidente Zerrüttung“ zu beschreiben. Die Gründe für die Auseinandersetzung liegen offenbar im persönlichen Bereich. Weder wird um den theoretischen Kurs der Zeitschrift gestritten, noch stehen ökonomische Probleme im Hintergrund. Im Gegenteil: die Zeitschrift floriert und wirft einen stattlichen Gewinn ab.
Dennoch hegt Frau Mitscherlich, wie die Redakteure berichten, seit Jahren Befürchtungen über eine künftige Krise des Blattes. Befürchtungen, die sich freilich nur so weit konkretisieren lassen, daß den beiden angestellten Redakteuren verspätete Bearbeitung der Korrespondenz und „unfreundliche Telefonauskünfte“ vorgehalten wurden. Dahmer und Rosenkötter fanden an der Tätigkeit der beiden Redakteure jedoch keinen Anlaß zur Kritik.
Bemühungen, die Mißstimmungen auf einer gemeinsamen Herausgeberkonferenz zu beheben, scheiterten seit zwei Jahren an „Terminschwierigkeiten“. Frau Mitscherlich habe jedesmal weitere Personen hinzugebeten oder sei nicht erschienen. Im November versuchte der Verlag, die drei Herausgeber ultimativ zum Abschluß eines neuen Herausgebervertrages zu drängen, der sie freilich zu Ideenlieferanten und Zuarbeitern einer allein veantwortlichen „Verlagsredaktion“ degradiert hätte.
Nach der Trennung Frau Mitscherlichs und des Verlages von der Zeitschrift weigerte sich Klett- Cotta, in das letzte in Stuttgart produzierte (Januar-)Heft ein Editorial der beiden übriggebliebenen Herausgeber aufzunehmen. Darin wollten Dahmer und Rosenkötter über die Entwicklung informieren, ihre Entschlossenheit kundgeben, „die 'Psyche‘ im Sinne ihres Begründers, Alexander Mitscherlich, fortzuführen“, und die Abonnenten um Angabe ihrer Adresse bitten, um künftig die Fortsetzung des Bezugs zu gewährleisten. Bei Klett-Cotta scheint man nicht gewillt, der Zeitschrift die Anschriften ihrer Abonnenten zugänglich zu machen, und hat offenbar vor, mit den 7.500 regelmäßigen Beziehern der 'Psyche‘ dem abgespaltenen Periodikum Frau Mitscherlichs für eine solide wirtschaftliche Basis zu sorgen. Ob es zulässig ist, daß Abonnenten ungefragt mit einer anderen Zeitschrift beliefert werden als der, die sie bestellt haben — darüber werden in den nächsten Tagen die Juristen entscheiden müssen.
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