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Gesichtsmatratzen rasieren

Warum die Wahrheit und die Mullahs nie Freunde wurden. Zum Iran-Krieg 2026 eine Reminiszenz an die „Ajatollah-Affäre“ im Jahr 2000

Chamenei und Chomeini – Brüder im düsteren Geiste Foto: ap

Von Michael Ringel

Nachdem ich am 1. Februar 2000 als Wahrheit-Redakteur meine Stelle antrat, dauerte es genau eine Woche bis zum ersten Skandal: die „Ajatollah-Affäre“. Was hatte der Ajatollah Chomeini vor seinem Machtantritt 1979 im Pariser Exil getrieben? Dieser Frage ging der Wahrheit-Autor Gerhard Henschel nach und dachte sich allerhand aus: In einem Revuetheater namens Chez ma Cousine hätte Chomeini SM-Orgien beigewohnt und sich die Kante gegeben, wie ein Türsteher des Etablissements dem französischen Satiremagazin Le Canard enchainé gesteckt hätte.

Henschel schrieb seit 1995 für die Wahrheit-Seite der Berliner Tageszeitung taz. Gemeinsam mit Wiglaf Droste veröffentlichte er 1996 auf der Seite als Vorabdruck den satirischen Roman „Der Barbier von Bebra“, in dem ein Bartmörder ostdeutsche Bürgerrechtler auf bizarre Art um die Ecke bringt. Daraufhin riefen die Bundestagsabgeordneten Vera Lengsfeld und Konrad Weiß, die damals für die Bündnisgrünen im Parlament saßen, zum Boykott der taz auf. Die taz wies diesen Versuch einer Zensur entschieden zurück.

Die Satire über Chomeini in Paris griff die extrem gewalttätigen Ereignisse im Iran auf und suchte ihre psychologischen Ursachen in der Person des schiitischen Religionsführers, der den britisch-indischen Schriftsteller Salman Rushdie wegen seines Romans „Die satanischen Verse“ mit einer Fatwa belegt hatte, was zu weltweiten Protesten von Muslimen führte. Henschels Satire über Chomeinis Sadomaso-Vorlieben schlug zumindest hohe Wellen im Kleinen. Kurz nach der Veröffentlichung protestierte die iranische Botschaft in Berlin gegen den Text, sodass sich die Chefredaktion der taz gezwungen sah, eine Erklärung abzugeben, um die Lage zu beruhigen, denn die iranischen Diplomaten stießen massive Drohungen aus.

Aber auch innerhalb der Redaktion gab es Unmut. Die damalige Frankreich-Korrespondentin Dorothea Hahn rief in der Wahrheit an und beschwerte sich über die Verletzung des Gebietsschutzes. Als Korrespondentin hätte sie allein das Recht, in ihrem Berichtsgebiet Artikel zu verfassen, außerdem hätte sie recherchiert, dass es gar kein Revuetheater Chez ma Cousine gebe, und beim Canard wisse man nichts von einem Türsteher, der Interna über Chomeini ausgeplaudert habe. Ob ihr klar sei, dass der Text komplett fiktiv sei, fragte ich sie. Nach einem sehr lange Sekunden währenden Schweigen legte sie auf, schrieb aber später eine Mail, in der sie wissen wollte, „welche Vorteile daraus für die Zeitung und ihre Mitarbeiter erwachsen“. Schließlich wollte sie wissen, „was die Leserinnen davon haben“.

Die Leser hielten sich ebenfalls nicht zurück, wie ein exemplarischer Leserbrief zeigte: „Wer solche erfundenen Skandalgeschichten lanciert, verfolgt damit ganz bestimmt Absichten, nämlich in diesem Falle den sich anbahnenden Dialog mit den VertreterInnen der Politik und Kultur Irans zu sabotieren. Es geht Ihnen darum, die Entdämonisierung des ‚Mullahregimes‘ um jeden Preis zu verhindern, und sei es mit Verleumdungen auf primitivstem Niveau.“ Primitive Sabotage bei der Entdämonisierung vom Massenmördern – auch eine Art, die satirische Arbeit der Wahrheit zu beschreiben. Wir würden es eine derbe Art der Aufklärung über scheinheilige Heilige nennen. Oder: Gesichtsmatratzen rasieren.

Wie danach des Öfteren entwickelte sich die Affäre zu einem Konflikt zwischen Ernstlern und Humoristen, dessen Antipoden das Auslandsressort und die Wahrheit-Redaktion sind. Das Ausland fürchtete sich, ihre durch exzellente Expertise gewonnene Reputation und die daraus gewonnenen Möglichkeiten der Berichterstattung zu verlieren, die Wahrheit fürchtete sich vor nichts. Oder wie es ein ehemaliger taz-Medienredakteur einmal sinngemäß beschrieb: Die Hardliner verzweifelten an ihrer Wirkungslosigkeit, während den Radaubrüdern von der Wahrheit ihre Wirkung egal war, was sie umso wirkungsvoller werden ließ.

Tatsächlich hatte die Ajatollah-Affäre erhebliche Auswirkungen: Die taz konnte keinen Korrespondenten für den Iran mehr akkreditieren. Selbst der WDR-Korrespondent Björn Blaschke mit Sitz in Amman, der für die Wahrheit zu dieser Zeit wundervolle Kolumnen über den Alltag im Nahen Osten verfasste, bekam Probleme. Und auch ein Auslandsredakteur, der private Beziehungen nach Teheran hatte, war in seiner Lebensplanung betroffen, wollte er doch als Berichterstatter in die iranische Hauptstadt gehen, was ihm nun verwehrt blieb.

Die Wahrheit bevorzugt die derbe Art der Aufklärung über scheinheilige Heilige

Nach mehreren Telefonaten mit dem Bundesaußenministerium, das die iranischen Geschäftsträger darauf hinwies, dass es in Deutschland Pressefreiheit gebe, entschloss sich die Chefredaktion, zur Abkühlung der Gemüter eine Abbitte zu veröffentlichen: „Die Redaktion wollte durch den in der taz vom 7. 2. 2000 erschienenen Artikel von Gerhard Henschel (‚Was der Ajatollah Chomeini in Paris trieb‘) nicht den Eindruck erwecken, Chomeini sei ein sadistischer, sex- und trunksüchtiger Mann gewesen. Keines der in dieser Satire beschriebenen Ereignisse in Paris hat tatsächlich stattgefunden. Sämtliche angeblichen Zitate aus der französischen Zeitung Le Canard enchainé waren komplett erfunden.“

Ein Kompromiss, mit dem alle Beteiligten leben konnten, auch der iranische Botschafter, dem die seinerzeit großartigen Geschäfte zwischen dem Iran und Deutschland letztlich wichtiger waren als ein unbedeutender Artikel in einer unbedeutenden Zeitung, wie sie es offenbar ihrer Kommandozentrale zu Hause verkauften.

Chamenei und Chomeini – Brüder im düsteren Geiste Foto: ap

Auch der Autor Henschel war mit dieser Erklärung sehr einverstanden, erreichte sie doch eigentlich das Gegenteil, wie er in seinem 2025 erschienenen „Großstadtroman“ mit Rückblick auf die Affäre schrieb: „Womit der Sadist Chomeini gleich noch einmal in den Ruch der Sex- und Trunksucht gerückt wurde, aber so hatten es die Mullahs ja gewollt.“

Damit wäre gut eine Ruhe im Islamisten-Fach gewesen, wäre nicht ein Jahr später am 13. Februar 2001 die „Mullah-Affäre“ losgebrochen. Ein obszöner Vers über das Gesäß Allahs führte zu tausenden Leserbriefen, Unterschriftenlisten in ägyptischen Moscheen, einer Titelseite in der türkischen Boulevard-Zeitung Hürriyet und zu einer Bombendrohung per Mail: „taz wird in die Luft springen. Versprochen.“ Absender: „Osama@binladen.com“. Und das war noch vor dem 11. September! Und wieder musste ich als Wahrheit-Redakteur alles erklären, was in den heute gern zitierten Satz mündete: „Es gibt ein Menschenrecht auf Meinungsfreiheit und Albernheit.“

Die Wahrheit und die Mullahs wurden niemals Freunde. Chomeini, Chamenei, bin Laden – heute sind sie aus ihrem Gesichtsmatratzen-Paradies vertrieben und tot. Veritas omnia vincit. Die Wahrheit überlebt sie alle.

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