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GesellschaftDigitale Götzen-dämmerung

Die Elterninitiative „Smarter Start ab 14“ setzt sich für eine Kindheit ohne Smartphone ein. Die Resonanz wächst, das kritische Bewusstsein im Umgang mit Online-Medien auch.

Der Blick der Jüngsten geht häufig auf das kleine Display. Foto: Joachim E. Röttgers

Von Martin Mezger

Eine schöne Bescherung, die uns der Youtube-Algorithmus auf das Display serviert hat: „Coole IS-Enthauptungen“. Wer will das sehen? Kinder zum Beispiel. Eine Stuttgarter Grundschullehrerin berichtet von „Challenges“ unter den Schülern: Wer traut sich, die „ekligsten“ oder „brutalsten“ Videos anzuschauen? Nein, es wollen nicht alle mitmachen. Zwei Kinder haben sich der Lehrerin anvertraut. Aber unter den Jungs hat kaum einer den Mut, „uncool“ zu sein.

Nun taugt die Drastik problematischer – oder krimineller – Netzinhalte von sexualisierter Gewalt bis zu Suizid-Anleitungen zwar für schnelle Empörung, ist aber nur Teil des Problems. Auch scheinbar Harmloses ist nicht immer harmlos. Für kognitive Defizite, gestörtes Sozialverhalten, kommunikative Verarmung, Mediensucht, psychische Krankheiten braucht es keine traumatisierenden Bilder. Zu früher und zeitlich ausufernder Smartphone-Konsum kann bereits genügen.

Trotzdem hat es sich eingebürgert, die lieben Kleinen spätestens beim Wechsel auf die weiterführende Schule mit einem eigenen Smartphone zu beglücken, im Alter von zehn oder elf. Wenn aus Politik und Wirtschaft, Bildungssystem und Kulturindustrie die Propagandafanfaren der Digitalisierung schallen, will man ja den eigenen Kindern nicht den Weg in die digitale Verheißung vermasseln.

In dieser naiven Technikgläubigkeit hallt immer noch die parareligiöse Online-Verehrung der 2000er-Jahre nach, einer Zeit, als mit ehrfürchtigem Tremolo in der Stimme die „digitale Revolution“, die Daten als das „Öl der Zukunft“, das Internet als die definitive Mediendemokratie verkündet wurden. Jetzt, wo die versammelten Tech-Bonzen hinter Donald Trump die Reihen fest geschlossen haben, dürfte sich zumindest das geklärt haben.

Klicks schmieren das Geschäft der Tech-Riesen

Stattdessen wächst der Widerstand gegen die Monopole, und vielleicht zeichnet sich mit ihm eine digitale Götzendämmerung am Horizont ab. Die taz berichtete kürzlich über Massenproteste gegen sexualisierte Gewalt im Netz, die die Plattformen ungestreift durchwinken. Im US-Bundesstaat New Mexico wurde Meta (Facebook, Instagram, WhatsApp) wegen mangelnden Schutzes minderjähriger User vor sexueller Ausbeutung zu 375 Millionen Dollar Strafe verurteilt. Ein Gericht in Los Angeles verhängte gegen Meta und Alphabet (Google) ein Bußgeld von drei Millionen Dollar. Die Konzerne, so die Urteilsbegründung, hätten nicht ausreichend vor dem Suchtpotenzial ihrer Dienste bei Kindern und Jugendlichen gewarnt. Der 20-jährigen Klägerin wurden ein Schmerzensgeld in selber Höhe zugesprochen. Beide Urteile sind nicht letztinstanzlich, dennoch gelten sie als Zäsur in der Rechtsprechung. Allein in den USA sind Tausende ähnlicher Klagen anhängig.

Nicht Daten sind das Öl der Zukunft, wohl aber schmieren Klicks das Geschäft der Tech-Riesen. Weshalb sie User jeglichen Alters mit allen Tricks anfixen. An Zugangssperren, die Minderjährige schützen könnten, „haben die Plattformen schlicht keinerlei Interesse“, sagt Verena Holler von der Elterninitiative „Smarter Start ab 14“, die sich für freiwillige Absprachen von Eltern einsetzt, Kindern frühestens mit 14 Jahren ein eigenes Smartphone zu geben. Aber auch für ein gesetzliches Mindestalter für Social Media macht sich die Initiative stark. Holler verweist auf entsprechende Verbote von Alkohol, Tabak oder Glücksspiel. Warum soll dann der Staat „Kinder schutzlos einer Industrie mit nachweislich manipulativen und suchtfördernden Designs überlassen? Schon Erwachsenen fällt es schwer, dem Sog zu widerstehen. Es von Kindern zu verlangen, ist unfair.“

Smarter Start wurde 2019 in Hamburg gegründet. Heute zählt der Verein zur weltweiten Bewegung „Smartphone Free Childhood“. Im Bundesgebiet gibt es mittlerweile an über 1800 Schulen Initiativgruppen, insgesamt engagieren sich Zehntausende von Eltern. In Stuttgart und der Region ist Smarter Start fast flächendeckend vertreten.

Medieninformation schon in der Grundschule

Valerie Maile, Mutter zweier Jungen an der Grundschule der Degerlocher Waldschule, ist eine Smarter-Start-Aktivistin. Wenn sie die Botschaft an andere Eltern weiterträgt, stößt sie „auf viel Interesse. Aber manche hören auch weg.“ Aus ihrer Sicht ist es wichtig, bereits in der Grundschule präventiv zu handeln. Zum einen, weil schon viele Grundschüler:innen mit dem Smartphone auflaufen. Zum anderen, weil Eltern oft in den Ferien nach der letzten Grundschulklasse die Smartphones für ihre Kinder anschaffen.

Umso schlimmer, wenn Medieninformation in der Grundschule versagt. So hat es Ulrike Bartke erlebt, die sich ebenfalls in Stuttgart für Smarter Start engagiert. „Die Polizistin, die über Risiken aufklären sollte, hat nur gesagt: ‚Eltern müssen selbst entscheiden, wenn ein Kind bereit ist für ein Smartphone.‘“ Nach dieser Null-Aussage fühlte sich Bartke mit ihren Bedenken „wie ein Freak unter den anderen Eltern“. Sie wünscht sich klare Empfehlungen von der Schule oder der Polizei und nicht nur Info-Veranstaltungen, zu denen „überwiegend bildungsnahe Eltern kommen, die sowieso problembewusster sind“.

Nicht nur der deprimierende Anblick dauerdaddelnder Kinder hat Smarter Start auf den Plan gerufen. Die Initiative beruft sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Etwa eine von der US-amerikanischen Neurowissenschaftlerin Tara C. Thiagarajan geleitete internationale Studie von 2025. Sie belegt eine auffällige Häufung von Suizidgedanken, vermindertem Selbstwertgefühl, Realitätsverlust und eingeschränktem emotionalem Steuerungsvermögen bei jungen Erwachsenen, die schon als unter 13-Jährige ein Smartphone besessen haben. Eine groß angelegte, 2025 veröffentlichte Untersuchung unter Leitung des Kinder- und Jugendpsychiaters Ran Barzilay vom Children‘s Hospital in Philadelphia ermittelte ein erhöhtes Risiko von Depressionen, Fettleibigkeit und Schlafmangel bei Jugendlichen, die mit spätestens zwölf Jahren ein eigenes Smartphone hatten. Und: je jünger die User, desto höher das Risiko. Zu ähnlichen Resultaten kam 2022 ein italienisches Team um die Kinderärztin Elena Bozzola. Generell führe frühe Smartphone-Nutzung zu geringerer Lebenszufriedenheit. Die deutschen Fachgesellschaften für Kinder- und Jugendpsychiatrie fordern in einer 40-seitigen Stellungnahme vom Februar 2026 eine differenzierte Altersgrenze bei digitalen Angeboten. Zwar gebe es in einzelnen, vor allem älteren Studien methodische Mängel, räumt die Stellungnahme ein. Auch fehlten zu manchen Fragen noch die wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse, etwa zur Wirkung von Smartphone-Verboten in Schulen. Doch viele schädliche Folgen zu früher Smartphone-Nutzung seien erwiesen.

„Ich muss täglich anderthalb Stunden chatten“

Für UIrike Bartke geht es schlicht auch um die online vergeudete Zeit. Soziale, sportliche oder künstlerische Talente bleiben auf der Strecke, werden gar nicht erst ausgebildet. Eine andere Mutter erzählt, ihr elfjähriger Sohn habe geklagt: „Keiner kommt mehr zum Kicken, weil alle daheim zocken.“ Und eine 14-Jährige sagt: “Ich muss täglich anderthalb Stunden chatten. Sonst habe ich bald keine Freundinnen mehr.”

Ulrike Bartkes älterer Sohn war ab der Sechsten das einzige Smartphone-lose Kind in seiner Klasse an einem Stuttgarter Gymnasium. Genau da setzt Smarter Start an, denn das Hauptargument für die Smartphone-Anschaffung lautet: Alle haben eines. „Wenn wir 70 Prozent der Eltern überzeugen, sind unsere Kinder keine Minderheit mehr“, sagt Beatriz Palma, Mutter zweier Grundschüler an der Falkertschule im Stuttgarter Westen und selbst Lehrerin. Ihr Motiv für Smarter Start: „Als ich 2016 nach vier Jahren Elternzeit an die Schule zurückkam, dachte ich: Das sind ganz andere Kinder – unkonzentriert, unspontan, uninteressiert an allem außer am Smartphone.“

Inzwischen gelten an den meisten Schulen strikte Handy-Regelungen, aber sie werden „nicht von allen eingehalten“, sagt Gerhard Menrad, Geschäftsführender Schulleiter der Stuttgarter Sekundarstufe-1-Schulen und Rektor der Anne-Frank-Gemeinschaftsschule. Er berichtet von Cybermobbing und Tiktok-Challenges, die mit Vandalismus einhergehen. Und: „Oft müssen wir Eltern raten, zu Hause die Nutzung des Handys zu reglementieren, weil die Schülerinnen und Schüler nachts online sind und morgens in der Schule entsprechend müde.“

Ulrike Bartke wünscht sich klare Empfehlungen von der Schule oder der Polizei. Foto: Jens Volle

Landesschülerbeirat gegen Altersgrenzen

Sein für den Gymnasialbereich zuständiger Kollege Manfred Birk (Dillmann-Gymnasium) sagt: „Smartphones verlagern die Kontaktbildung von Kindern und Jugendlichen in die virtuelle Welt und lenken vom persönlichen Miteinander in der Klassen- und Schulgemeinschaft ab.“ Ein Handy-Verbot seit 2024 habe an seiner Schule die gefährdete „Dialogfähigkeit“ der Schüler:innen verbessert: „Sie sprechen wieder deutlich mehr miteinander.“ Skeptisch steht Birk einem elterlich organisierten Handy-Verzicht gegenüber. Eltern sollten stattdessen die eigene Medienkompetenz entwickeln und dann „den Medienkonsum ihrer Kinder wirksam kontrollieren“. Letzteres ist auch für die geschäftsführende Grundschulrektorin Isabelle Hagel (Pragschule) der springende Punkt, denn: „Kinder im Grundschulalter können Gefahren in Bezug auf soziale Netzwerke und Messenger nicht überblicken.“

Und was meint der oberste Schülervertreter im Land zum Thema? „Die jungen Menschen selbst erkennen ja das Problem“, sagt Joshua Seidel, Vorsitzender des Landesschülerbeirats. Aber er wehrt sich gegen „pauschale Sichtweisen“ und hält nichts von Altersgrenzen, denn dann wären die Jugendlichen ab 14 ohne Erfahrung mit den neuen Medien überfordert. Stattdessen müssten die Plattformen in die Pflicht genommen werden, ihre Inhalte altersgerecht zu regulieren. Zum Handyverbot in der Schule stellt er die naheliegendste aller Schülerfragen: „Gilt das dann auch für Lehrkräfte?“

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