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GesellschaftEine Skulptur gegen das Vergessen

Die gebürtige Stuttgarterin Betty Rosenfeld ist vor Nazis geflohen, hat im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft und wurdeschließlich in Auschwitz ermordet. Eine Initiative will ihr eine Skulptur und einen Platz in ihrer Geburtsstadt widmen.Dafür müsste Bismarck weichen.

Der Bildhauer und Grafiker Joachim Sauter mit seiner Rosenfeld-Skulptur. Fotos: Joachim E. Röttgers

Von Jürgen Brand

Da sitzt sie, ganz bescheiden, an einem spitz zulaufenden Treppenaufgang zwischen zwei Steinblöcken. Sie trägt ein schlichtes Kleid, sitzt ganz gerade und aufrecht. Eine Frau mit Haltung. So könnte Betty Rosenfeld ausgesehen haben. Und so könnte die Skulptur des Stuttgarter Künstlers Joachim Sauter aussehen, die es im Modell schon gibt, die er immer weiter verfeinert. Mit einer Benefizveranstaltung im Stuttgarter Theaterhaus begann am Donnerstag, 20. November, die Spendenkampagne, durch die die etwas überlebensgroße Skulptur finanziert werden soll. 90.000 Euro werden für die Bronzefigur und den Sockel aus Naturstein benötigt. Wo dieses Erinnerungswerk an die von den Nazis verfolgte und ermordete gebürtige Stuttgarterin Betty Rosenfeld einmal stehen kann, ist noch völlig offen.

Betty Rosenfeld wurde 1907 in Stuttgart geboren, wuchs in der Breitscheidstraße im Stuttgarter Westen auf, lebte dort auch bis 1935. Sie machte am Katharinenhospital eine Ausbildung zur Krankenschwester und arbeitete anschließend dort. Schon früh war sie politisch interessiert, besuchte die „Marxistische Arbeiterschule“ in Stuttgart, blieb ihren jüdischen Wurzeln aber unabhängig davon treu. Sie tippte für den kommunistischen Untergrund auch Flugblätter gegen die neuen Machthaber in Berlin.

Als die Bedrohung durch die Nazis immer größer wurde, wanderten Rosenfeld nach Palästina aus, arbeitete in einem Kibbuz. Als im Jahr darauf der Spanische Bürgerkrieg ausbrach, beschloss sie, die Internationalen Brigaden als Krankenschwester zu unterstützen. Mit einem Dampfer reiste sie nach Frankreich, von dort weiter nach Spanien. 1937 meldete sie sich in Albacete zum Sanitätsdienst der Brigaden. Nach dem Sieg des Faschisten Francisco Franco flüchteten die beiden nach Frankreich. 1942 haben die deutschen Besatzer sie von dort nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Bisher gibt‘s nur einen Stolperstein

An Betty Rosenfeld und ihre Familie erinnert heute nur ein Stolperstein in der Breitscheidstraße. Dem Stuttgarter Verein „Die AnStifter“ und der Initiative „Ein Platz für Betty Rosenfeld“ ist das zu wenig. Genau zwei Frauen aus Stuttgart nahmen auf der Seite der Internationalen Brigaden am Spanischen Bürgerkrieg teil: Nach der in Stuttgart geborenen Fotoreporterin Gerda Taro ist inzwischen ein Platz genannt. Jetzt geht es ihnen darum, auch Betty Rosenfeld einen gebührenden Platz in der Stuttgarter Stadtgeschichte zu verschaffen.

Den Anstoß für das Projekt gab die mehr als 600 Seiten umfassende Biografie „Betty Rosenfeld. Zwischen Davidstern und roter Fahne“ des Historikers Michael Uhl. Der Bildhauer und Grafiker Joachim Sauter hat sie ebenso gelesen wie der Mitinitiator Klaus Kunkel, der Vorstandsmitglied der AnStifter war. Dabei sind sie auf Namen von Menschen gestoßen, die sie selbst noch in ihrer Jugend erlebten, etwa den Maler Manfred Henninger, die Stuttgarter Antifaschistin und Kommunistin Gretel Weber oder den Stuttgarter Werkzeugmacher, Gewerkschafter und Politiker Eugen Eberle.

Den Initiatorinnen und Initiatoren geht es nicht um Rosenfeld allein. Vielmehr soll sie stellvertretend für die vielen, nie genannten Menschen im Widerstand gegen die Nazidiktatur stehen. So soll auch das Bewusstsein dafür geschärft werden, dass der Widerstand damals viele Gesichter hatte, weibliche, männliche, jüdische, kommunistische und mehr.

Vor allem will die Initiative eine Lücke in der Stuttgarter Erinnerungslandschaft schließen, eine neue Facette hinzuzufügen. Mit der Skulptur soll das Leben und Wirken von Betty Rosenfeld nicht etwa in Form einer „Heldin auf dem Sockel“, wie es Joachim Sauter selbst ausdrückt, gewürdigt werden. Stattdessen versucht er, sich der Person sensibel anzunähern und das Paradox zu thematisieren, dass er dies zum Teil basierend auf den Dokumenten der Nazis, also ihrer Peiniger und Mörder tun muss. Den Sockel für die Bronzeskulptur bildet eine zwischen zwei Steinblöcken eingekeilte Treppe: Sie solle die „Ausweglosigkeit ihres Lebenswegs“ symbolisieren.

Lieber Rosenfeld als Bismarck

Die Bronzeskulptur im Miniaturmodell.

Im Idealfall wird diese Rosenfeld-Skulptur einmal auf dem Betty-Rosenfeld-Platz im Stuttgarter Westen stehen. Dafür soll der bisherige Bismarckplatz umbenannt werden. Dagegen regt sich allerdings Widerstand: Die CDU lehnt eine Umbenennung ab, hat deswegen sogar schon einmal eine Plakataktion dagegen gestartet. Die SPD brachte mit Fritz Bauer einen ganz anderen Namen ins Spiel, obwohl der im Stuttgarter Justizviertel besser aufgehoben wäre. Und in der Stadtverwaltung „geht es nicht vor und nicht zurück“, wie Kunkel und Sauter sagen. Die für solche Anliegen geschaffene städtische „Stabstelle für Erinnerungskultur“ will nach Informationen der Betty-Rosenfeld-Initiative voraussichtlich in einer „Summerschool“ nächstes Jahr erst einmal allgemeine Kriterien entwickeln, um Plätze umzubenennen. So etwas kann in Stuttgart auch mal etwas länger dauern.

Die Initiative „Ein Platz für Betty Rosenfeld“ lässt sich davon aber nicht entmutigen, im Gegenteil. Zunächst einmal soll das Geld für die Skulptur gesammelt werden. Sollte eine Umbenennung des Bismarckplatzes nicht gelingen, wären die Macher auch mit einer Betty-Rosenfeld-Stätte mit der Skulptur zufrieden. Sollte sich auch das nicht realisieren lassen, sind sie offen für andere Standorte, beispielsweise in einer Grünfläche bei der Liederhalle an der Breitscheidstraße – ganz in der Nähe des einstigen Wohnorts der Familie Rosenfeld.

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