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Geschenkte KartoffelnKartoffeln auch für die Ukraine

Brandenburger Bauern reagierten empört. Nun zeigt sich: Es war ein Missverständnis. Berlin bekommt nur 200 Tonnen Kartoffeln aus Sachsen geschenkt.

Hans-Joachim von Massow im Kartoffellager der Osterland Agrar Foto: dpa

Alle reden über die Kartoffel. „Unverhoffter Kartoffelsegen für Berlin“, hatte die taz geschlagzeilt, als bekannt wurde, dass ein sächsisches Landwirtschaftsunternehmen 4.000 Tonnen Kartoffeln verschenkt. Die Website, auf der sich über 1.300 Interessenten bewarben, las sich so, als werde die gesamte Menge in Berlin ausgeliefert.

Die Freude war groß. Aber es gab nicht nur Zustimmung. Ein Biobauer aus Brandenburg schimpfte im taz-Interview, den regionalen Erzeugern werde mit der Aktion „vors Schienbein getreten“. Schließlich könnten die Brandenburger Bauern jetzt nur deutlich weniger nach Berlin verkaufen.

Doch dem ist nicht so. Von den 4.000 Tonnen gehen nur knapp 200 nach Berlin. Es war ein Missverständnis, wie sich jetzt herausgestellt hat. Die erste Lieferung kam letzte Woche an, die zweite wird gerade ausgeteilt. Beglückt werden damit Hilfsbedürftige, Kindergärten und Nachbarschaftsinitiativen, auch die Berliner Tafel nahm 22 Tonnen ab. Organisiert wird die Verteilaktion von der Berliner Morgenpost und der Öko-Suchmaschine Ecosia. Die Fahrer hätten berichtet, dass Menschen bei der Ankunft der Lastwagen zum Teil schon Schlange stehen, heißt es.

Und was passiert mit den restlichen 3.800 Tonnen? Anruf bei Hans Joachim von Massow, Geschäftsführer der sächsischen Osterland Agrar. Die Kartoffeln einem guten Zweck zuzuführen, statt sie zu vernichten, war die Idee seines Teams. Der Betrieb war auf den Erdäpfeln, Sorte Agria, sitzen geblieben. Der Abnehmer, der schon im Voraus bezahlt hatte, wollte sie aufgrund des extrem guten Erntejahres nicht mehr.

Mindestabnahmemenge: eine Tonne

„Rund 70 Tonnen gehen in die Ukraine an die Front“, erzählt von Massow. 60 Tonnen würden innerhalb von Sachsen vor allem an Bedürftige verteilt. Auch sei ein Bauer gekommen, der normalerweise sein Dorf versorge, aber dieses Jahr nicht habe liefern können. Man hoffe noch auf weitere Abnehmer ab Hof, Mindestabnahmemenge sei eine Tonne. Was zum Schluss noch übrig sei, gehe in die Stärkeproduktion oder zurück als Dünger aufs Feld. In die Biogasanlage gebe er als Landwirt Lebensmittel eher ungern, sagt von Massow.

Dass es an der Aktion auch Kritik gab, ist ihm nicht verborgen geblieben. In dem Landwirtschafts-Nachrichtenportal „Agrarheute“ hat es sogar eine Abstimmung gegeben. „52 Prozent von 1.414 Teilnehmern finden die Aktion toll“, sagte von Massow am Mittwochmittag mit Blick auf die Website. „Ein super Ergebnis ist das, auch, weil Landwirte häufig klagen.“ Egal ob die Ernte gut oder schlecht sei, immer gebe es einen Grund. „Der Volksmund besagt, dass der Februar für Bauern der schlechteste Monat ist, weil sie da nur 28 Tage zum Klagen haben“, erzählt der Geschäftsführer lachend.

Was ihn wirklich störe, sei ein Bericht der Berliner Zeitung. Der Brandenburger Bauernverband sei darin unhinterfragt mit dem Vorwurf zitiert worden, die Osterland Agrar bereite mit der Geschenkaktion gezielt den Markteinstieg in Berlin vor. „Das ist schlechter Journalismus, die Zeitung hätte uns wenigstens mal fragen müssen.“

Die Osterland Gruppe ist seit ein paar Jahren dabei, den Betrieb auf Bio umzustellen. Egal ob Bio oder konventionelle Kartoffelproduktion, von Massow ist sicher, dass die gesamte Branche von der Geschenkaktion profitiert. „Die Kartoffel ist dadurch im Bewusstsein präsent.“ Auch bei Leuten, die nichts geschenkt bekommen haben. „Sie essen mehr Kartoffeln als Pasta, und davon profitieren alle Bauern.“

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