Generalstreik in Griechenland: Härter, immer härter

Die Randale eskaliert, die Stimmung kippt, der Staat will härter vorgehen. Für Mittwoch ist ein Generalstreik angekündigt.

Athen: Ein Demonstrant droht der Polizei mit einer Fahnenstange. Bild: dpa

THESSALONIKI taz "Bitte zollen sie dem Gedenken Alexis Respekt! Demonstrieren Sie friedlich!", appellierte der griechische Staatspräsident Karolos Papoulias kurz vor der Beerdigung des Schülers, der von einem Polizisten am Samstag erschossen wurde. Es war ein fast verzweifelter Appell.

Denn die Krawalle hatten in der Nacht zu Dienstag einen neue Stufe erreicht: Fast ungehindert von der Polizei verwüsteten Randalierer vor allem in Athen und Thessaloniki etliche Geschäfte und Banken. Zahlreiche Gebäude gingen in Flammen auf, ebenso der riesige Weihnachtsbaum auf dem Syntagmaplatz in Athen, und selbst im Vorraum des Außenministeriums brannte es.

Tags darauf herrschte in den griechischen Städten eine unerträgliche Spannung. Die Straßen der Stadtzentren blieben menschenleer, und allenthalben war die Angst spürbar, dass sich die Krawalle wiederholen oder gar weiter steigern könnten.

Dabei hatte sich der Unmut der Gesellschaft zuvor hauptsächlich gegen Polizei und Regierung gerichtet; gegen die Polizei, weil sie wegen einer Nichtigkeit einen Teenager erschossen hatte, gegen die Regierung, weil niemand für die Krawalle verantwortlich sein wollte.

Doch an diesem Dienstag beginnt die Stimmung zu kippen. Viele Bürger sind wütend auf die jungen Randalierer - und auf die Passivität der Polizei. So trat der Rektor der Athener Universität aus Protest darüber, dass die Polizei untätig zusah, wie das Hauptgebäude und die Bibliothek verwüstet wurden, zurück.

Andere spekulieren schon darüber, ob die fast schon provokative Zurückhaltung der Beamten nicht einem Kalkül geschuldet war. Auf jeden Fall kündigte Ministerpräsident Kostas Karamanlis kurz vor der Beerdigung an, künftig "härter" gegen die randalierenden Jugendlichen vorzugehen.

Auf dem Friedhof von Palaio Faliro, einem Vorort Athens, begleiteten Tausende stumm Alexis Grigoropoulos Beisetzung. Erst als die Beerdigung zu Ende war, gingen die Sprechchöre los. "Alexis, du lebst" und wieder: "Bullen, Schweine, Mörder!"

Zu diesem Zeitpunkt dauerte die ballistische Untersuchung an, so dass immer noch nicht klar ist, ob der Polizist gezielt geschossen hat. Aber das spielt inzwischen keine Rolle mehr. Jetzt gilt es, die Jugendrevolte zu stoppen, die nächste Randale zu verhindern.

Am Dienstag traf sich der in Enge getriebene Karamanlis mit Präsident Papoulias und dem sozialdemokratischen Oppositionsführer Giorgos Papandreou, um sie für eine neue, gemeinsame Strategie zu gewinnen. Für welche, ist noch nicht klar, aber man rechnet damit, dass Karamanlis um Zustimmung für ein härteres Vorgehen der Polizei geworben hat.

Dennoch wirkt die Politik wie gelähmt und überrascht von der Wucht der Ausschreitungen. Überrascht davon, dass die militanten Autonomen von so vielen Jugendlichen unterstützt werden - obwohl es auch tausende friedliche Demonstranten gab, die die Gewalttäter ausgebuht haben.

Ob die Regierung Herr der Lage werden kann, ist noch offen. Ebenso offen ist, was nach dem Ende dieser Krawalle passieren wird. Immer weniger Griechen vertrauen Karamanlis, immer weniger glauben, dass er das Land aus der Krise führen kann. Denn in der Krise ist Griechenland nicht erst seit der Gewalt der letzten Tage, die Krise ist vielmehr ein Dauerzustand.

Für Mittwoch haben die Gewerkschaften zu einem Generalstreik aufgerufen. Der Termin stand seit langem fest, demonstrieren wollte man gegen die enorme Teuerungsrate und das Versagen der staatlichen Kontrollmechanismen, gegen die Wirtschaftspolitik der Regierung und die Rentenreform. Jetzt will man auch "für die Demokratie" demonstrieren. Die Forderung des Ministerpräsidenten, den Streik zu verschieben, haben die Gewerkschaften abgelehnt. Sie sind der Meinung, dass friedliche Versammlungen der richtige Weg sind, um die Demokratie zu verteidigen. Immerhin: Auf die ursprünglich geplanten Demonstrationen wollen sie verzichten. Dass dadurch Ruhe einkehrt, ist allerdings nicht zu erwarten. Schon bald nach der Beerdigung flammten die Krawalle wieder auf. Und da war es erst Vorabend.

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