■ Rechte sind sekundär: Gemeinsame Wurzeln verbinden
Im 16. Jahrhundert, nach dem Einfall der Türken auf den Balkan, ist ein Großteil der albanischen Christen ausgebüxt, überwiegend nach Süditalien. Dort hat man sie mit Gleichgültigkeit empfangen, aber da man nun einmal in Kalabrien riesige unbestellte, teils versumpfte, teils verkarstete Gebiete hatte, genehmigten die Herrscher eine Ansiedlung der meist in Großfamilien lebenden Albanergemeinschaften.
Heute, gut vierhundert Jahre nach der Umsiedlung, gibt es noch immer gut 70 „Albanergemeinden“ in Süditalien und noch einmal halb so viele in Sizilien, die größten mit 25.000 Einwohnern, von denen sich mehr als die Hälfte noch als „albanischstämmig“ erklärt. Vor zehn Jahren haben wir auch eine Art kultureller Autonomie ertrotzt, seither sind Verkehrs- und Hinweisschilder zweisprachig, die Kinder in unseren Schulen dürfen auch Albanisch lernen.
Dabei haben wir schöne Erfahrungen gemacht: „Echte“ Albaner, wie sie nun im Gefolge des Zusammenbruchs des Ostblocks herüberkamen, verstanden weder unsere Sprache, noch waren ihnen unsere Riten vertraut, ebenso wie umgekehrt. Wir hatten uns fortentwickelt, sie auch, und anfangen können wir nur wenig miteinander. Das hat viel mit in langen Erfahrungen zusammengewachsenen Gemeinschaften zu tun. Ich verwende absichtlich den Plural: Viele unserer gut hundert Gemeinden haben nur noch wenig Kontakt miteinander, haben andere Dialekte und gehen in anderer Weise mit Italienern um; bei manchen gibt es die Mafia, aber schon im Nachbardorf hat sie nicht die geringste Chance.
Offenbar ist es für die Lebendigkeit einer Tradition nicht wichtig, welche Erlebnisse man hatte, sondern daß man sie den Vorfahren als gemeinsam erlitten unterstellen kann. Die Albaner, die heute kommen, haben keine Vorfahren, die wie die unseren geflohen, gepeinigt, fast verhungert waren, damals. Und das unterscheidet sie, so skurril das in einer längst zum Dorf gewordenen Gesamtwelt erscheint, so grundlegend von uns, daß wir uns als eine andere Nation als sie definieren. Aldo Hoscivan
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