: „Gehen? Digga, ist das euer Ernst?“
In seinem neuen Buch „Jenseits der Brandmauer“ schreibt Jan Gorkow, besser bekannt als Monchi, Sänger der Band Feine Sahne Fischfilet, über seine Heimat in Mecklenburg-Vorpommern. Im Gespräch erzählt er von Momenten der Angst, der Kraft des Machens und warum er nicht mehr alle „Cops“ für „Bastards“ hält
Interview Katrin Gottschalk und Konstantin Nowotny
taz: Herr Gorkow, bei der Bundestagswahl 2025 gingen 54 Prozent der Stimmen in Ihrem Wohnort Jarmen in Meck-Pomm an die AfD. Warum?
Jan Gorkow: Boah, da gibt es tausend Antworten! Für die einen ist es die Rente, für andere der Kontostand, wieder andere haben Angst vor Krieg oder vor Immigration. Ein roter Faden ist die Abgegessenheit von der Berliner Politik. Und das nicht nur bei den AfD-Wählern. Bei denen kommt noch Lust am Umsturz dazu. Denen ist scheißegal, ob die da punktuell selber gefickt werden. Die Leute wählen nicht nach Argumenten, sondern nach Emotionen.
taz: Der Buchtitel „Jenseits der Brandmauer“ habe Ihren Verlag nervös gemacht, heißt es. Ist das so?
Gorkow: Mein Lektor hatte Angst, dass es so aussehen könne, als wenn mir die Brandmauer egal sei. Aber darum geht es mir nicht. Es ist völlig irrelevant, wie ich die Brandmauer finde. In so vielen Diskussionen wird darüber gequatscht, was auf gar keinen Fall passieren darf. In 719 von 724 Gemeinden ist bei der Bundestagswahl die AfD die stärkste Partei geworden. Wenn es hier eine Brandmauer gibt, dann gegenüber den Grünen.
taz: Bei der Brandmauer geht es aber konkret darum, ob andere Parteien mit der AfD zusammenarbeiten oder mit ihr koalieren.
Gorkow: Noch mal, ich würde das total super finden, wenn die AfD von der Macht ferngehalten wird. Ich glaub nur nicht dran. Also muss ich mich damit auseinandersetzen. Bei den letzten Wahlen wurde mir immer wieder erzählt, das Wählerpotenzial sei jetzt erschöpft. Ich glaube an diese Scheiße nicht mehr. Mich hat die Realität eingeholt. Ich lebe da, wo die Grünen 2 Prozent gekriegt haben.
taz: Sie richten in Ihrem Buch einen Appell an diejenigen, die aus Ostdeutschland weggegangen sind: Sie sollen, nach Möglichkeit, zurückkommen. Würde es dann besser aussehen?
Gorkow: Ich bin Lokalpatriot, ich liebe Mecklenburg-Vorpommern. Was mich ankotzt, ist, wenn so ein Rainer Haseloff von der CDU oder ein Jan Böhmermann sagen, dass sie gehen, wenn die AfD übernimmt. Digga, ist das euer Ernst? Auf unserem Festival „Wasted in Jarmen“ sind alle willkommen, auch AfDler. Aber dann machen wir da zum Beispiel einen Vortrag über Seenotrettung. Und wenn dann ein Islamistenwichser beim CSD reinballert, werde ich an der Tanke angesprochen: „Monchi, du hast Blut an den Händen.“ Ich zahle dafür einen Preis. Trotzdem will ich nicht nach Berlin. Da fühle ich mich konservativ. Wenn ich dann wieder aufs Dorf fahre, fühle ich mich links. Das ist das Spannungsfeld, in dem ich mich bewege. Aber für mich gab es früher auch keine schönere Straße als die raus aus Jarmen. Ich will die Leute nicht verurteilen und sehe ja auch die Gründe.
taz: Fehlende Arbeitsplätze.
Gorkow: Ja, na klar! In der Schule haben wir uns gefragt: Wo gehst du hin? Nicht: Wer bleibt? Da ging es um Perspektiven, besser bezahlte Arbeitsplätze, überhaupt Arbeit. Es müssen nicht alle auf dem Dorf bleiben, ich bin ja nicht total hängengeblieben. Nur: Bei der NPD hieß es früher „Wir erobern die Städte vom Land aus.“ Und das haben die jetzt gemacht. Dass sich viele Leute verdrückt haben und nicht mehr vor Ort gewirkt haben, hat es denen einfach gemacht.
taz: In Ihrem Buch erstellen Sie eine Typologie der verschiedenen AfD-Wähler*innen. Es gibt „die Überzeugten“, aber auch „die Sympathischen“. Über Letztere heißt es: „Am liebsten würde ich Sie kurz liebevoll schütteln und mit Ihnen ein Gespräch führen.“ Hat es so ein Gespräch schon gegeben?
Gorkow: Ich sag’s mal so: Als ich im Rostocker Studentenviertel verkehrt habe, waren AfDler viel einfacher zu hassen. Je näher ich den Menschen bin, desto weniger kann ich das. Dieses „du musst immer dagegenhalten“ sagen nur Leute, die nicht in solchen Orten wohnen. Da hast du gar keine Kraft für. Manchmal sage ich „Quatsch mich nicht voll“ oder „Halt’s Maul“. Aber es gibt auch Gespräche, wo ich sage: „Ja, aber das ist doch für dich total schlecht, hast du mal das Parteiprogramm gelesen?“ Ist denen scheißegal.
taz: Was würden Sie daraus politisch ableiten?
Gorkow: Ich hab das Gefühl, die anderen Parteien kriegen das nicht mehr umgerissen. Ich meine: Ich spiele in ’ner Punkband. Und nach den letzten Bundestagswahlen, als Merz und Klingbeil das Ding übernommen haben, hab ich gedacht: Hoffentlich machen die das gut. Und dann ficken die sich wieder alle gegenseitig.
taz: Gehen Sie wählen?
Gorkow: Natürlich werde ich wählen gehen, damit ich in zehn Jahren noch sagen kann, dass ich in einer halbwegs stabilen Demokratie lebe. Dafür lohnt es sich meines Erachtens zu kämpfen. Deswegen versuche ich, im Buch auch die positiven Momente zu zeigen. Wir haben in Jarmen einen Skatepark aufgebaut, wir machen Feste zusammen, zwei Kids sind bei uns Landesmeister in BMX geworden. Die beschissenen Tage kommen von selbst. Die guten musst du dir erkämpfen.
taz: Im Buch kritisieren Sie linke Großstadtdebatten und Demoaufrufe, die unter „Aufstand der Anständigen“ laufen und dadurch keine jungen Leute ansprechen – aber kaum die AfD selbst.
Gorkow: Weil ich glaube, dass das alles erzählt ist. Soll ich jetzt das 200. Buch über die AfD geschrieben haben? Es ist doch vollkommen klar, was das für Leute sind.
taz: Und die Wähler*innen?
Gorkow: Die kritisiere ich total! Wann haben Sie das letzte Mal mit einer AfD-WählerIn im Alltag gestritten?
taz: Können wir grad nicht sagen.
Gorkow: Ich kann es Ihnen die ganze Zeit sagen. Wissen Sie, was ich morgen mache? Ich lese dieses Buch beim Skatepark in Jarmen vor. Kostenlos, für alle. Und wissen Sie was? Ich lese da vor den „Überzeugungsleuten“ und rede von den „Putin-Fans“, den „Mitläufern“, den „Erfolgsfans“. Ich bin aber nicht irgendein Schreiber, der dann wieder wegfährt. Ich wohne zwei Minuten davon entfernt. Ich glaube, es gibt viele coole linke antifaschistische Initiativen und Sachen, die man supporten muss. Ich denke nur, wenn man denen, die viel machen, sagt, du machst noch zu wenig – da kriegt man das Kotzen.
taz: Sie schreiben, dass Sie die Zeile „Niemand muss Bulle sein“ nicht mehr singen und den Podcast von Paul Ronzheimer hören. Sind Sie noch linksradikal?
Gorkow: Ich würde mich einfach nicht mehr in Schubladen einordnen. Ich habe meine humanistischen Grundwerte. Und mich hat punktuell einfach die Realität eingeholt. Klar weiß ich noch, wie ich dank einer Falschaussage eines Polizisten einmal knapp vor dem Knast stand. Das werde ich nie vergessen. Aber wenn ich an Gruppen wie Nordkreuz denke, die 50.000 Schuss Munition entführt hatten, dann hoffe ich, dass die staatlichen Strukturen am Tag X noch funktionieren. Ich freue mich über jeden halbwegs coolen Polizisten oder Typen in der Bundeswehr. Jetzt werden Leute sagen: Im Kampf gegen die Nazis darfst du dich nicht auf den Staat verlassen. Ja, Digga, okay, der Ball ist rund. Danke für die Info. Auf die linke Szene oder Antifa werde ich mich aber auch nicht verlassen können. Die gibt es bei uns gar nicht.
Jan Gorkow,alias Monchi, ist 1987 in Neubrandenburg geboren. Bekannt wurde er als Sänger der Punkband Feine Sahne Fischfilet. Seit 2016 veranstaltet die Band das „Wasted in Jarmen“-Festival in Mecklenburg-Vorpommern. Sein autobiografisches Buch „Niemals satt“ kam 2022 raus.Das neue Buch „Jenseits der Brandmauer“ erschien soeben bei Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, 20 Euro.
taz: 2022 wurden Vorwürfe der sexualisierten Gewalt gegen Sie erhoben, die sich öffentlich nie konkretisierten. Was Sie einräumten: sich sexistisch verhalten zu haben. Sie und die Band wollten sich damit auseinandersetzen. Was hat die Auseinandersetzung ergeben?
Gorkow: Zunächst einmal: Solche Vorwürfe sind in den ganzen Jahren weder öffentlich noch nicht öffentlich mir oder der Band gegenüber je konkretisiert worden. Ich kann deshalb nicht bestätigen, dass es solche Vorwürfe gibt. Dass ich generell mein Verhalten immer wieder reflektiere und in vielen Punkten verändert habe, hört man schon an unseren Texten und liest man in meinen Büchern. Das muss ich niemandem beweisen. Wie Prozesse innerhalb der Band dazu konkret aussehen, tragen wir nicht in die Öffentlichkeit.
taz: Beim Nachdenken über die Sozialisation von jungen Männern, was sich für diese stark und cool anfühlt, spielt doch Sexismus eine Rolle.
Gorkow: Natürlich. Ich sitze ja nicht hier und sage, das bewegt mich alles nicht oder ich denke nicht darüber nach. Ich denke einfach, dass es Themen gibt, die nicht in einer 5-Minuten-Interview-Antwort behandelt werden können.
taz: Sie schreiben: Am 20. September wollen Sie wählen gehen und dann „irgendwas richtig Geiles machen“. Was können wir uns darunter vorstellen?
Gorkow: Meine Angst ist es, in diese Depressionen zu verfallen und zu sagen: Okay, alles zu spät. Deshalb werde ich etwas Tolles machen. Das hat was mit Ostsee, Familie oder Hansa Rostock zu tun.
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