Gedenkabend in Berlin: Musik für ungedrehte Filme
Melancholie im „Alten Schweden“: Ein Abend zu Ehren des verstorbenen Regisseurs Béla Tarr und des Autors László Krasznahorkai.
An einem warmen Sonntagabend stieg ich in die U-Bahn und fuhr von einer Endstation zur anderen. Der Frühling war endlich zurückgekehrt. Ich spürte noch den Tag auf meiner Haut, die Sonne im Gesicht, die Erde unter den Fingernägeln. Gleich sollte ich in eine ganz andere Welt eintauchen. Mein Ziel war eine Lesung und Musikveranstaltung zu Ehren des 2026 verstorbenen Filmemachers Béla Tarr und des im Jahr davor ausgezeichneten Literaturnobelpreisträgers László Krasznahorkai.
Wedding, Endstation. Ich ging die wenigen Schritte zur Bar „Alter Schwede“. Sie war gut gefüllt, als das Stück begann: Trompete, Posaune, Elektronik, Perkussion und Synthesizer spielten, darüber legte sich die Stimme des Vorlesers. Mal dunkel und ruhig, mal hoch, beinahe schrill, las er aus Krasznahorkais „Melancholie des Widerstands“ vor. Ich hörte ihm gerne zu: „Keiner hatte einen blassen Schimmer, was hier vor sich ging …“ Der Textausschnitt handelt von einer Sonnenfinsternis, und draußen verschwand langsam das Licht, so als folge das Draußen der Erzählung hier drinnen. Ich verlor das Zeitgefühl, glitt in einen tranceartigen Zustand, ließ mich von Klang und Sprache tragen.
Die Musik griff Motive aus Tarrs „Werckmeisterschen Harmonien“ auf und bediente sich Krasznahorkais Stilmitteln: Wiederholung, Suggestion, Variation und Überraschung. So entstand Musik für einen Film, den Béla Tarr noch hätte drehen können.
„Im Grunde genommen besaß er nichts …“, sprach der Erzähler versunken und beinahe entrückt, so wie es auch dieübrigen Künstler:innen auf der Bühne waren. Nur eine hob immer wieder den Blick, lächelte ins Publikum, als wolle sie eine Verbindung zur Realität aufrechterhalten. Irgendwann knallte ein Champagnerkorken auf der Bühne. Lachen ertönte. Gläser wurden herumgereicht. Es wurde angestoßen: „Auf Béla Tarr da oben.“ Ein Moment der Heiterkeit in diesem Abend voller Melancholie.
„Am Anfang bemerken wir gar nicht, welch außergewöhnlicher Ereignisse Zeugen wir sind“, das war der letzte Satz, den ich mir notierte. Ich dachte kurz über seine Bedeutung nach, dann wurde ich weitergetragen und versank vollends in dem Spektakel.
Als ich später wieder in den U-Bahn-Schacht hinabstieg, fühlte es sich an, als würde ich in eine weitere Parallelwelt eintauchen. Die Musik und die Stimme, die mich durch den Abend getragen hatten, fehlten mir nun. Geblieben war bloß eine Erinnerung: an diese andere Welt, die sich mir kurz geöffnet hatte.
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