Geburten: Hebammen bangen um Existenz

Die Erhöhung der Haftpflichtprämie macht die Arbeit von Hebammen vollends unrentabel. In Bremen kommen sie derzeit auf einen Stundenlohn von 5,07 Euro.

Zu wenig Geld für verantwortungsvolle Arbeit: Hebammen-Protest in Berlin im November 2009. Bild: dpa

Geburten nur noch im Krankenhaus und dort auch nur noch geleitet von angestellten Hebammen im Schichtdienst - dieses Szenario ist auch für Bremen nicht ausgeschlossen. Am Wochenende haben die freiberuflichen Bremer Hebammen Alarm geschlagen: Sie wissen nicht mehr, wie sie unter den derzeitigen Voraussetzungen ihre ohnehin schon schlecht bezahlte Arbeit fortsetzen können.

Der Grund: Bei gleichbleibend niedrigen Gebühren, die sie von der Krankenkasse bekommen, müssen sie ab dem 1. Juli eine noch höhere jährliche Haftpflichtprämie zahlen: Sie soll von 2.370 auf 3.689 Euro steigen. "Das hieße, ich müsste vier Monate umsonst arbeiten, um die Prämie bezahlen zu können", sagt Sabine Stiefel, eine von nur drei Hebammen in Bremen, die so genannte Beleggeburten in Krankenhäusern anbieten.

Dabei lässt sich eine Frau von einer freiberuflichen Hebamme in der Schwangerschaft und im Wochenbett betreuen, die Geburt findet dann unter ihrer Leitung in einem Krankenhaus - dem Diako oder Bremen Nord - statt. Diese Form der Geburtshilfe ist bei vielen Frauen besonders beliebt, da sie sowohl die Betreuung durch eine ihnen vertraute Hebamme haben als auch das Krankenhaus-Umfeld, in dem sich viele sicherer fühlen. Anmelden muss man sich in der zweiten Bremer Praxis, die Beleggeburten anbietet, der "Bremer Hebammengemeinschaft", möglichst schon im dritten Monat - so begehrt sind die wenigen Plätze. Das liegt laut Praxis-Leiterin Isabelle Zimmer vor allem daran, dass es kaum noch Hebammen gibt, die Beleggeburten anbieten wollen.

Sie verdienen mit 237 Euro noch weniger als für eine Geburt zu Hause (537 Euro) oder im Geburtshaus (445 Euro). Um auf ein Gehalt zu kommen, von dem man einigermaßen leben kann, arbeite sie deshalb 40 bis 60 Stunden wöchentlich, sagt Zimmer. "Das halten viele nur ein oder zwei Jahre durch", sagt sie, die ihre Praxis 1991 gegründet hat und so an der Arbeit hängt, dass sie trotz der Belastung weiter macht. Allerdings weiß auch sie nicht, wie es weiter gehen soll, da die Prämie noch einmal steigen könne und es möglich sei, dass sich in zwei Jahren gar kein Versicherer mehr findet.

Ratlos sind auch andere Hebammen. "Extrem existenzbedrohend" sei die Situation für sie, sagt die Beleghebamme Sabine Stiefel, mehr als 60 bis 70 Wochenstunden könne sie nicht arbeiten. Auch die weitere Anhebung der Pauschale für eine Rufbereitschaft, die Hebammen von den Klientinnen direkt bekommen, sei keine Lösung. Derzeit liegt diese je nach Praxis zwischen 250 und 500 Euro, viele erhöhen ihren Satz zum Sommer.

Auch im Geburtshaus Schwachhausen - einem von zweien in Bremen - "rechnet man herum", wie dessen Gründerin Katharina Jeschke formuliert. Abzüglich aller Kosten für Versicherungen kämen Hebammen bei einer 40-Stunden-Woche auf einen Stundenlohn für 5,07 Euro, sagt Jeschke. Sollte es bei der angekündigten Prämienhöhe bleiben, fiele dieser noch einmal. "Ich weiß nicht, wie es im nächsten Jahr weitergehen soll."

"Eigentlich wundere ich mich über jede, die nicht sofort aufhört", sagt die Vorsitzende des Bremer Hebammenverbandes, Valerie Stabel. Und: "Wir haben richtig Angst." Sie hofft jetzt darauf, dass ab dem 5. Mai möglichst viele BremerInnen eine Online-Petition (epetitionen.bundestag.de) unterschreiben, die die Politik zum Handeln auffordert, das heißt, vor allem Druck auf die Krankenkassen auszuüben. Es gehe schließlich, sagen alle befragten Hebammen, darum, den Schwangeren die Wahlfreiheit darüber zu lassen, wo und wie sie gebären wollen. Nach einer Schätzung der Gesundheitsbehörde finden in Bremen mit vier Prozent doppelt so viele Geburten wie im Bundesdurchschnitt nicht in der Klinik statt.

"Vielleicht müssten Hebammen einfach mal streiken", sagt Isabelle Zimmer. Aber dafür seien sie und ihre Kolleginnen wohl einfach zu idealistisch.

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