■ Gastkommentar: Ist Tibet noch zu retten?
Kaum hatten 13 EG-Botschafter ihre Informationsreise nach Tibet beendet und waren abgeflogen, brach am Montag eine Demonstrationswelle in Lhasa aus. Polizei und Miliz waren in voller Aktion mit Tränengas und Schießbefehl, Touristen mußten in ihren Hotels bleiben oder wurden ausgewiesen: Tibeter hatten es wieder einmal gewagt, nach „Freiheit für Tibet“ zu rufen und die verbotene Nationalfahne zu hissen. Nie haben die Menschen auch unter Androhung von Folter, Gefängnis, Hinrichtungen und Zwangssterilisation die Besetzung ihres Landes akzeptiert. Zwischen September 1987 und Mai 1993 fanden mehr als 70 Demonstrationen statt. Sie akzeptieren auch nicht, daß ihr Land in einen riesigen Militärstützpunkt verwandelt wurde, einschließlich der Stationierung von Nuklearwaffen. Alle leitenden Regierungs- und Parteifunktionäre werden von Peking ernannt.
Der Dalai Lama, geistliches und weltliches Oberhaupt Tibets, reist von seinem indischen Exil aus unermüdlich durch die Welt. „Es ist fünf Minuten vor zwölf“, erklärte er vor kurzem, denn mehr und mehr chinesische Beamte, Geschäftsleute und Siedler strömen nach Tibet und machen Tibeter zur Minderheit im eigenen Land. Ebenso schlimm ist die Zerstörung des empfindlichen ökologischen Gleichgewichts durch die chinesische Besatzungspolitik: das Hochland überweidet, die Tierwelt praktisch ausgerottet, riesige Waldgebiete abgeholzt und nicht wieder aufgeforstet.
Was kann man tun, um das Land zu retten? Es gibt eine ganze Reihe von Resolutionen, die sich auf dem Papier gut anhören, deren praktische Durchführung jedoch verhindert wird, weil man in China eben den gewaltigen Markt sieht. Tibet wäre zu helfen, wenn die tibetische Exilregierung endlich einen Beobachterstatus bei der UNO erhielte (wie zum Beispiel die PLO), weil dann auf politischer Ebene mehr erreichbar wäre. Es gibt weltweit Unterstützungsgruppen für Tibet, die wertvolle Aufklärungsarbeit leisten. Der Dalai Lama wurde von China zu einem Dialog eingeladen unter der Voraussetzung, daß er auf die Unabhängigkeit seines Landes verzichtet. Er hat diesen Dialog abgelehnt. Aber die Regierung Taiwans hat ihn im vorigen Monat zu Gesprächen ohne Vorbedingungen eingeladen.
Die Welt sollte auf den verzweifelten Aufschrei hören, der in einem Brief einer tibetischen Untergrundorganisation in die USA geschmuggelt wurde: „Die Vereinten Nationen befreiten Kuwait innerhalb von 48 Tagen. Wir kämpfen 40 Jahre lang, um von Chinesen befreit zu werden.“ Michael Alexander
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen