GTA VI vs Cyberleek: Wem gehört das Spiel?
Das Videospiel „GTA VI“ sorgt vor seiner Veröffentlichung für Schlagzeilen. Leaks zeigen Spielszenen, die Art der Veröffentlichung wird kritisiert.
Was passierte nicht alles vor der Veröffentlichung von „GTA VI“: Der Faschismus feierte sein globales Comeback, der Klimawandel rollt noch immer ungebremst über Felder und Wälder und selbst Friedrich Merz hat es nach mehreren Anläufen zum Kanzler geschafft.
Jetzt, knapp zweieinhalb Monate vor seiner offiziellen Erscheinung, droht das Spiel vorzeitig an die Öffentlichkeit zu geraten. Unter dem Pseudonym „Cyberleek“ werden aktuell die ersten Spielszenen veröffentlicht, die jahrelang als Geheimnis aufgebaut wurden.
Ob sich hinter dem Namen ein Individuum oder Kollektiv verbirgt, ist nicht bekannt und doch dominiert „Cyberleek“ das Internet. Es bilden sich Fronten, die die frühzeitigen Leaks mal verurteilen, mal feiern. Argumente haben beide.
Im Februar 2022, als die Pandemie in den Köpfen noch präsent war, wurde „GTA VI“ erstmals offiziell angekündigt. Der erste Trailer Ende 2023 brach mit knapp 300 Millionen Aufrufen bisherige Rekorde. Das Entwicklungsstudio Rockstar Games kuratierte das Spiel so geheimnistuerisch, dass jedes neue Bild die Diskussionen auf Social Media entfachte.
Wie die Oscar-Verleihung
„GTA VI“ ist mit gewöhnlichen Spielveröffentlichungen nicht zu vergleichen. Es handelt sich um einen kulturellen Event wie die Oscar-Verleihung, den Superbowl oder den Eurovision Song Contest. Selbst die auf Seriosität bedachten ÖRR-Organe Tagesschau und ZDFheute posten auf Instagram regelmäßig Meldungen zum Spiel.
Die Erwartungen sind beiderseits enorm: Spielende erwarten den nächsten, seit langem ausbleibenden Meilenstein der Videospielentwicklung; das Studio rechnet mit einem Milliardenumsatz. Die ersten Spielszenen sollten eigentlich erst am Freitag, 28. August, in einem exklusiven Special auf Netflix gezeigt werden. Doch seit dem 18. August veröffentlicht „Cyberleek“ die ersten Spielszenen im Netz und beschneidet damit eine der bis dato größten medialen Marketingstrategien.
Parallel zum ersten Leak – unter anderem sah man eine der beiden Hauptfiguren Baseball spielen – veröffentlichte „Cyberleek“ ein Manifest, worin gefordert wird, dass Rockstar Games keine digitalen Vorverkäufe mehr anbieten soll.
Damit wird eine alte Diskussion aufgegriffen, denn während physische Medien immer weiter negiert werden, setzen Studios und Unternehmen auf die rein digitale Variante. Da die Spielinhalte nicht mehr auf einer physischen Disc erscheinen und somit Privateigentum der Spielenden werden, können Studios den digitalen Zugang einschränken oder ultimativ verwehren. „Cyberleek“ sprach sich gegen dieses neue Monopol aus und drohte mit weiteren Leaks.
Details zur Spielwelt
Es blieb nicht bei rhetorischen Androhungen: Im August zeigte „Cyberleek“ fast täglich Szenen, verriet Details zur Spielwelt und der seit Jahren heiß erwarteten, doch gut behüteten Handlung. Über die sozialen Medien verbreiten sich die oft nur kurzen Clips natürlich schnell und unter ihnen die Diskussionen rund um das oder die Gesichter hinter dem Pseudonym.
Gerüchte verorten den angeblich allein Handelnden in Deutschland, dann wieder in den USA, verkünden ihn als verhaftet, nur um von neuen Leaks widerlegt zu werden. Der bisher wohl größte Leak: „Cyberleek“ schießt mit einer Figur das Pseudonym in eine Wand. Die Einschusslöcher formen das Wort „LEEK“. Damit zeigt die Person, dass sie nicht nur über eine Ansammlung an Videos verfügt, sondern über einen „Build“, also eine spielbare Version des Titels.
Die Vermutung einer groß angelegten, die ohnehin schon exorbitanten Marketingmaschinerie überlagernden PR-Aktion liegt nahe. Nur „GTA VI“ wäre zu so einer Aktion fähig, verfügt das Studio doch über schier endlose finanzielle Mittel und darf sich durchaus mit Superlativen wie „meist erwartetes Spiel“ schmücken.
Noch dazu würde die Jagd nach dem großen Unbekannten thematisch zur „GTA“-Reihe passen, die seit 1997 für Verbrechen jedweder Art steht. Und doch ist „Cyberleek“ nicht Teil einer ausgetüftelten, medienwirksamen Schnitzeljagd. Zu groß ist der Schaden, der mit den Spielszenen am Rockstar-Marketing entstanden ist, und zu hitzig sind die Debatten, die die Leaks angestoßen haben. Denn seit den vorzeitigen Veröffentlichungen wird wieder über physische Medien diskutiert und die Kritik an ausschließlich digitalen Versionen nimmt zu.
Rockstar Games und seine unrühmliche Historie
Auf dem letzten Leak war eine mehrzeilige englische Einblendung zu lesen. Sinngemäß sagt sie: „Sony und Rockstar löschen euer Recht darauf, Spiele zu besitzen und weiterzuverkaufen und Rockstar macht seine eigenen Mitarbeiter fertig, damit das Spiel rechtzeitig fertig wird.“
Tatsächlich hat Rockstar Games eine lange, unrühmliche Historie der sogenannten „Crunch Time“, in der Mitarbeitende für die finale Entwicklungsphase besonders hart unter Druck gesetzt werden und unbezahlte Mehrarbeit leisten müssen. Man muss also kein allzu großes Mitleid mit dem US-amerikanischen Studio haben.
Ist „Cyberleek“ also ein Robin Hood (oder die nichtmännliche Version des Banditen), der von einem milliardenschweren Unternehmen klaut und es dabei noch zum Gegenstand berechtigter Kritik macht? So einfach ist es leider nicht. Denn: Auch „Cyberleek“ nutzt die illegalen Veröffentlichungen für das eigene Kapitalinteresse.
„CL wird ohne Unterstützung nicht weitergehen. Du entscheidest“, heißt es unter den neuesten Szenen, dazu der Hinweis auf die Kryptowährung “$CYBERLEEK“.
Das Schema ist bekannt: Eine Medienpersönlichkeit ruft eine neue Kryptowährung aus, pusht diese mittels Aufregung und Reichweite nach oben und verschwindet mitsamt den Geldern. „Cyberleek“ ist sicher kein virtueller Robin Hood, auch wenn die durch Leaks entstandenen Diskussionen berechtigt und wichtig sind. Sollte man die oder den Verantwortlichen fassen, wird er dort landen, wo „GTA VI“ beginnt: im Gefängnis.
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