Fußballsumpf in Polen: Cosa Nostra ohne Gewalt

Der Fußball in Polen ist zur Farce geworden: Korruption und Spielmanipulation haben echte Fans schon fast vergrault. Auch ein obskures Ultimatum der Fifa hilft wenig.

Viele Fans sind enttäuscht vom polnischen Fußball - und jetzt droht auch noch der Entzug der Euro 2012. Bild: dpa

"Montag, 12 Uhr mittags." Ganz Polen fiebert dieser Stunde entgegen. Denn dann läuft das Ultimatum des Fußball-Weltverbandes Fifa ab. Sollte das Schiedsgericht des Polnischen Olympischen Komitees die abgesetzten Manager des Polnischen Fußballverbandes nicht wieder einsetzen, würden die nächsten beiden WM-Qualifikationsspiele Polens als verloren gewertet. Das wäre das Ende für Polens Fußball-WM-Träume 2010. Doch damit nicht genug, drohte am Freitag auch noch die Europäische Fußball-Union Uefa Polen mit dem Entzug der Euro 2012. Sportminister Miroslaw Drzewiecki aber blieb hart: "Wir lassen uns nicht erpressen!"

Er will für einen "anständigen und ehrlichen Fußball" kämpfen. Notfalls will er sogar die Sanktionen von Fifa und Uefa in Kauf nehmen. Denn Polens Fußball hat schon lange kaum noch etwas mit Sport zu tun. Korruption, Spielmanipulation, gekaufte Schiedsrichter und Torhüter, Messerstechereien und offener Rassismus haben die echten Fußball-Fans schon fast vergrault. Kurz vor den Neuwahlen des Polnischen Fußballverbandes (PZPN stellte der Sportminister daher eine Liste mit Verfehlungen der PZPN-Funktionäre auf und reichte sie beim Schiedsgericht des Polnischen Olympischen Komitees ein. Dessen Richter suspendierten den PZPN-Vorstand und setzten einen unabhängigen Verwalter ein. Unter seiner Regie sollen die Geldströme im polnischen Fußballverband transparenter werden, die Vorstandswahlen nicht mehr im engen Kreis der bisherigen Funktionäre stattfinden und Polens Fußball wieder zu einem Sport werden, in dem das Können der Spieler entscheidet.

Fifa und Uefa stellten sich ohne Zögern auf die Seite des PZPN. Sie pochen auf die "Autonomie der nationalen Sportverbände". Uefa-Sprecher William Gaillard drohte nach dem Fifa-Ultimatum sogar: "Wir haben die Euro 2012 den nationalen Fußballverbänden Polens und der Ukraine zuerkannt, nicht den Regierungen dieser Länder. Mit dem Sportminister reden wir erst gar nicht. Unser Ansprechpartner ist allein Michal Listkiewicz." Doch der Sportminister ist nicht allein. Hinter ihm stehen der Premier Polens Donald Tusk, der Innenminister Grzegorz Schetyna und - wie Umfragen zeigen - die meisten Polen.

Listkiewicz hatte sich zwar in der Vergangenheit für den Korruptionssumpf in seinem Verband entschuldigt und Besserung gelobt. Doch statt gegen die Funktionärs-Bestechlichkeit vorzugehen, veränderte der Vorstand das Reglement zu seinem Gunsten, sodass es nun im offenen Widerspruch zum eigentlichen Statut des Verbandes steht. Einige der 29 in den Korruptionsskandal verwickelten Vereine mussten zwangsweise in der Liga absteigen, doch ab Sommer 2009 soll eine große Amnestie in Kraft treten. Dann soll Spielmanipulation nur noch mit einem Punktabzug und einer Geldbuße geahndet werden.

Weder die Festnahme von über 100 Funktionären, Schiedsrichtern und Torhütern durch die polnische Polizei noch die eigens geschaffenen Schnellgerichte für Fußballhooligans änderten etwas in den Stadien und Vorständen. Als Erfolg wurde lediglich gewertet, dass Vorstandschef Michal Listkiewicz bei den Wahlen Ende Oktober nicht erneut antreten will. Doch das ungute Gefühl blieb. Der stellvertretende Generalstattsanwalt Kazimierz Olejnik verglich den Verband sogar mit der italienischen Cosa Nostra - nur "ohne Gewaltanwendung." Der liberale Politiker Janusz Palikot setzte hinzu: "Der PZPN ist ein Bordell, in dem Jungfrauen einen mit Aids infizieren."

Die für den 30. Oktober angekündigten Vorstandswahlen drohen zu einer Farce zu werden. Denn unter den Kandidaten ist niemand von außerhalb. Die Angst, dass der alte PZPN auch der neue sein könnte, ist groß. Anders als 2007, als Listkiewicz schon einmal abgesetzt und auf Druck von Fifa und Uefa wieder eingesetzt wurde, steht für Polen diesmal alles auf dem Spiel: die Euro 2012. Zu einem Fest kann es nur werden, wenn endlich der PZPN-Korruptionssumpf ausgetrocknet wird. Doch Fifa und Uefa sagen: "Ohne PZPN gibt es gar keine Euro 2012."

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben