: Für Wohlstand malochen
■ V O R L A U F
(Die Fußbroichs, 1 plus, 22.35 Uhr und 19. Februar, 22.35 Uhr) Wie lebt heute eine Arbeiterfamilie? Dieser an sich schlichten Frage ist Ute Diehl nachgegangen - und dabei herausgekommen ist ein vielschichtiger Dokumentarfilm, der informiert, verblüfft, ärgert, Zustimmung erheischt, zum Lachen bringt und dabei das Leben wahrscheinlich besser widerspiegelt als so manche wissenschaftliche Studie über neue Lebensgewohnheiten der Arbeitnehmer. Natürlich: Die Fußbroichs sind keine Arbeiterfamilie im traditionellen Sinne. Klassenbewußtsein? Sie sehen sich als Angehörige des Mittelstandes. Solidarität? Ja, aber in erster Linie innerhalb der Familie. Gewerkschaftliches Engagement? Spielt in der Dokumentation fast keine Rolle. Den Fußbroichs geht es gut, sie haben sich in diesem kapitalistischen System eingerichtet - und gar nicht so schlecht. Sohn und Ehefrau haben ein Auto, die Wohnung hat allen Komfort, im Keller ist ein Fitneßraum eingerichtet, bei der Urlaubsreise schwankt die Familie zwischen Griechenland und Ibiza. Natürlich: Das ist lediglich ein Ausschnitt aus unserer Zweidrittelgesellschaft, doch Familien wie die Fußbroichs leben unter uns.
Zwei Ebenen sind in diesem Film auszumachen - eine dokumentarische und eine, in der die Fußbroichs selbst die Gelegenheit haben, sich darzustellen. „Etwas befangen, etwas gehemmt“ sei sie immer gewesen, wenn die Kamera dabei war, erzählt die Mutter, doch das, was im Film gezeigt werde, sei schon ihre Familie. Ihren Mann hat die Kamera offenbar eher zu Sprüchen animiert - kölscher Humor in Reinkultur. Insgesamt aber ist auch viel Nachdenkliches zu hören - etwa wenn die Familie versucht, ihr Verhältnis zur Arbeit darzustellen. Da erzählt der Vater, wie er sich im Kabelwerk Hoffnungen auf eine Meisterstellung gemacht habe und ihm dann doch ein anderer vor die Nase gesetzt wurde; der Sohn, 17 Jahre alt, interessiert hauptsächlich an Autos und Musik, ist Schlosser in dem Werk, in dem auch der Vater arbeitet, und wäre doch viel lieber Fotomodell geworden; die Frau ist zwar noch stark auf ihre Mutterrolle fixiert, arbeitet jedoch schon seit einigen Jahren wieder mit. „Die Arbeit ist für uns wichtig“, sagen die Fußbroichs - sie ist die Grundlage für den bescheidenen Wohlstand, den sie nicht mehr missen wollen. Die Fußbroichs waren schon vor zehn Jahren Gegenstand einer Dokumentation. Den damaligen Film, Ein Kinderzimmer 1979, wiederholt 1 plus am 14. Februar.
Manfred Kellner
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