Fünfte HSV-Niederlage in sechs Spielen: Oennings Prüfung
Der HSV kassiert gegen Borussia Mönchengladbach die fünfte Niederlage in sechs Spielen. Das ist keine Katastrophe, sondern eine Prüfung - für alle. Am härtesten trifft sie Trainer Michael Oenning.
"Was sagen Sie zu dieser Katastrophe?", greint der junge Mann, hält das Mikrofon HSV-Spieler Marcell Jansen hin. Gerade hatten die Hamburger mit 0:1 (0:0) gegen Borussia Mönchengladbach verloren und damit die fünfte Niederlage im sechsten Spiel kassiert. "Ja", sagte Jansen zögernd, "Katastrophe? Ist bitter, tut weh, ist scheiße."
Katastrophe ist, wenn die Erde bebt, ein Meteorit ins Rathaus fliegt, ein Vulkan ausbricht. Was der HSV, immer noch Tabellenletzter der Bundesliga mit einem Punkt, im Moment durchmacht, ist eine Prüfung.
Alle werden geprüft: die erfahrenen Spieler wie Jansen, Dennis Aogo, David Jarolim und Mladen Petri, die dem Team kaum helfen. Trainer Michael Oenning wird geprüft, der das Spiel präzise und ruhig analysiert, sich dabei am Kopf kratzt, am Hals und an der Brust, weil er sich nicht wohlfühlt in seiner Haut.
Der Sportliche Leiter Frank Andresen wird geprüft, der früh am Abend den für einige Mikrofonträger entscheidenden Satz sagt: "Ja, wir spielen am nächsten Freitag in und gegen Stuttgart, und Michael Oenning ist dabei." Und auf die Frage, warum das so ist, antwortet: "Ich glaube, das ist richtig." Die Journalisten, die nur über Oenning reden wollen, werden geprüft und die Zuschauer, die nicht "Oenning raus" rufen, aber pfeifen.
Prüfungen haben mit Fußballspielen gemein, dass man nicht weiß, was rauskommt. Oenning versucht es gegen Borussia Mönchengladbach, nun 13 Punkte nach sechs Spielen, mit drei defensiven Mittelfeldspielern ("Sechsern"): Robert Tesche, Tomás Rincón und Jarolim. Das bringt Stabilität, entlastet die zuletzt wackeligen Außenverteidiger, Gladbach bringt in der ersten Halbzeit nichts zustande.
Da es auch im Fußball nichts umsonst gibt, kosten die drei Sechser die Offensive. Petri bekommt keinen Ball, bemüht sich auch nicht, einen zu bekommen. Der HSV hat in der ersten Halbzeit keine Torchance, schießt im ganzen Spiel nur fünf Mal auf Gladbachs Tor.
"Wie abgesprochen", bringt Oenning nach 56 Minuten Gökhan Töre für Marcell Jansen und Heung Min Son für Per Skjelbred, der viel und vor allem umsonst läuft. Töre und Son machen Druck, entwickeln die beste Chance des Spiels.
Nach einem Pass von Son, einer Flanke von Töre an den rechten Pfosten, köpft Tesche aufs Tor, trifft den Ellenbogen von Gladbachs Linksverteidiger Filip Daems, der weit oben in der Luft ist. Schiedsrichter Peter Sippel gibt keinen Elfer (59.). "Ich hätte gerne gesehen, was passiert, wenn wir in Führung gehen", sagt Oenning.
Stattdessen geht Gladbach in Führung, weil der offensivere HSV der Borussia mehr Räume gibt. In der 66. Minute fällt das Tor, das fünfte nach einer Standardsituation in Folge. "Das ärgert mich maßlos", sagt der deprimierte Oenning ruhig, "da bin ich mehr als sauer."
Juan Arango schlägt den Freistoß, und es ist ja so, dass viele Herzen im von 55.800 Zuschauern besuchten Stadion schneller schlagen, wenn ein Ball in hohem Bogen gen HSV-Tor fliegt.
Vier Mann können den Ball kriegen: Slobodan Rajkovi, der mit Heiko Westermann eine gute Innenverteidigung bildet, Heung Min Son, der die Stabilität eines Bambusrohres hat, Michael Mancienne, der in England manches gelernt hat, Kopfball nicht. Und Igor de Camargo, Gladbachs Stürmer. Camargo, Kopf, bitsch, drin. "Das kann nicht sein", sagt Oenning, "das darf nicht sein.
Mist ist auch, was dann kommt: "Uns bricht der Boden unter den Füßen weg", sagt Oenning und faltet das Blatt mit der Tabelle, das schon ganz akkurat gefaltet ist, weiter zusammen. Gladbach hat mehrere fette Chancen, zwei, die zur Kategorie unhaltbar gehören, vereitelt HSV-Keeper Jaroslav Drobny. "Nach dem Gegentor sind wir nicht in der Lage, das Spiel zurückzuholen", sagt Oenning, der das "Negativspirale" nennt.
Ein paar in der Mannschaft geben alles, ein paar nicht, ein paar haben vielleicht noch nicht das Niveau. Am Freitag der VfB, "da kann ich noch nicht dran denken, ich bin noch mit Gladbach beschäftigt", sagt Oenning. Seine Prüfung ist die schwerste. Marcel Koller und Huub Stevens werden als Nachfolger gehandelt, einige träumen von Kevin Keegan.
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