: „Freßbuden, Kommerz und Ratz-Batz-Musik“
■ Beim gestrigen Aktionstag gegen Rassismus und Neonazismus trafen Ostlinke auf Westlinke / Ältere beklagen den Jahrmarktcharakter: „Das ist hier so tralala“
Einträchtig sitzen sie nebeneinander auf der Holzbank, der Punker mit dem gelb-orange gefärbten Irokesenschnitt und die alte Dame im hellblauen Popelinemantel. Beim fünften Aktionstag gegen Rassismus und Neonazismus im Lustgarten dominierten gestern nachmittag die jungen und die ganz alten Leute, eine wilde Mischung aus West- und Ostlinken. Während sich die einen in der Hüpfburg vergnügten, flanierten die anderen zu Tausenden an den Informationsständen von 130 Gruppen vorbei.
Zwischen Büchern, Räucherstäbchen, T-Shirts („Gib Nazis keine Chance“) und Bergkristallen preisen die betagten Mitglieder der Antifa-Gruppe Friedrichshain ihre neue Broschüre über die antifaschistischen Denkmale im Bezirk an. Daneben verkauft die Bürgerinitiative Lenindenkmal Plakate des geschleiften Denkmals. Einige Stände weiter heißt es „Freiheit für Irmgard Möller“, dazwischen etwas verloren die „Lagergemeinschaft Ravensbrück und Freundeskreis“. Ansonsten fehlt kaum eine Gruppierung aus dem linken Spektrum: PDS, Bündnis 90/ Die Grünen, DKP, GEW, amnesty international, SOS Rassismus, alle nutzen die Gelegenheit zur Selbstdarstellung. Der ehemalige Vorsitzende des DDR-Schriftstellerverbandes, Hermann Kant, hat vom Signieren seines neuen Buches schon ganz viele Kugelschreiberflecken auf dem Handballen.
Nur sehr vereinzelt sind Ausländer unter den Besuchern. Bis auf die kurdische Organisation „Komkar“, die mit dem Verkauf von Schaschlik und Salat ihre Portokasse auffüllt, sind auch keine Immigranten-Gruppen vertreten.
„Hier kommen doch nur die hin, die sowieso gegen Rassismus und Neonazismus sind“, meint eine 33jährige Besucherin, die vor allem gekommen ist, „um die Programme der verschiedenen Gruppen zu vergleichen“.
Vor dem Stand der Marxistisch- leninistischen Arbeiterpartei rappen „Nümmes & Co.“ zu Gitarre und Bongos: „für kleine Klassen“, „Arbeitsplätze für Millionen“ und „rettet die Natur vor dem Profit, tscha-tscha-Uh, tscha-tscha-Uh“. Gegenüber auf der kleinen Bühne tanzen verlegen lächelnde Schulmädchen in bauchfreien Kostümen zu Disco-Sound ihre Übungen aus dem Jazzgymnastik-Unterricht.
„Das ist hier wie auf dem Jahrmarkt“, beklagen sich zwei Damen jenseits der 50. „Das entspricht nur bedingt dem ernsthaften Anlaß.“ Die „Freßbuden“, „der Kommerz“ und „die Ratz-Batz-Musik“ mißfallen ihnen. Sie sind „aus Tradition“ hier. „Zu DDR-Zeiten gab es eine Kundgebung auf dem Bebelplatz, da war das noch ein Gedenktag.“ Die andere wirft ein: „Das hier, das ist so harmlos, so tralala.“
Auf der großen Bühne kämpft Moderator Eberhardt Seidel-Pielen mit den immer wieder ausfallenden Mikrofonen. Die Podiumsdiskussion über Rassismus in Deutschland bestreiten die Professorin Birgit Rommelspacher, zwei „unabhängige Antifas“, Matthias und Mark, Jugendpfarrer Rudi Pahnke, Irene Runge vom Jüdischen Kulturverein und Resa Razzouli von SOS Rassismus. Heraus kam wenig Neues. Den meisten Beifall heimsten Matthias und Mark für ihre Bemerkung ein: „Rassismus hat die Funktion, vom Sozialabbau abzulenken.“ Dorothee Winden
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