■ Französisch-deutscher Feier-Kompromiß: O Champs-Élysées!
Es hat seine Zeit gedauert, bis es im Élysée-Palast schließlich gelang, das Durcheinander zu entwirren und die Mißverständnisse der letzten Wochen im deutsch-französischen Verhältnis aufzulösen.
Die Deutschen waren nicht zur 50. Jahrfeier der Landung in der Normandie eingeladen worden. Ihre Anwesenheit an der französischen Küste in der nächsten Woche hätte – das ist klar – an die noch sehr lebendigen Empfindlichkeiten der alten Kombattanten rühren können. Aber das Deutschland von heute ist nicht mehr das gleiche, das vor 50 Jahren Europa erschütterte. Deshalb war es notwendig, dieses neue, demokratische, vereinte Deutschland in die Feierlichkeiten anläßlich des Kriegsendes und des Sieges über den Faschismus einzubeziehen. Die Lösung: Die deutschen Truppen werden in den Reihen des Euro- Corps Seite an Seiten mit den Franzosen, den Luxemburgern, den Belgiern und den Spaniern am nächsten 14. Juli auf den Champs-Élysées defilieren. Das ist ein Ergebnis, dem es nicht an Courage mangelt. Es verrät auf alle Fälle mehr Mut als das geplante Treffen am 8. Juni in Heidelberg. Hier sollen, um die Deutschen zu besänftigen und die französisch-deutsche Freundschaft zu feiern, Mitterrand und Kohl Jugendliche beider Länder treffen. Ein ärmlicher und vollständig künstlicher Ersatz.
Sicher, man kann sich fragen, ob die Entscheidung für die Champs-Élysées wirklich nützlich ist: Hätte man nicht in einer Zeit des wachsenden Nationalismus in Frankreich und Deutschland etwas weniger Schweres, etwas weniger Beladenes finden können, um 50 Jahre Frieden auf beiden Seiten des Rheins zu feiern? Mußte es denn eine donnernde Militärparade sein? Aber die Deutschen sollten nicht vergessen, daß der 14. Juli in Frankreich das Fest der Revolution ist, das Fest der Menschenrechte und einer bestimmten Vorstellung des Staatsbürgertums. Und sie sollten vor allem nicht vergessen, daß nach dem Defilee die Stunde des Musette-Walzers schlägt und ein Gläschen Weißwein angesagt ist. Ein schönes Fest, so heiter und so sehr französisch!
Sicher werden die alten Pariser auf die deutsche Teilnahme am Defilee mit Schaudern reagieren und auch uns Jüngere wird ein Magenzwicken plagen, wenn wir deutsche Soldaten auf jener Straße sehen, auf der im Jahre 1940 das Stampfen der Knobelbecher widerhallte. Der Symbolismus dieser Situation ist gewagt. Aber ist er nicht notwendig, um die Schatten der Vergangenheit zu vertreiben? 15 Tage vor den europäischen Wahlen war es höchste Zeit, daß angesichts der großen Show an der Omaha Beach ein Gegensymbol gefunden wurde, das die Deutschen einschließt. Pascale Hugues
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 180 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen