: Frage des Formats
■ Filmfestspiele Cannes: dicke Frauen, breite Bilder und Weitwinkelobjektive
In drei Filmen des Festivals spielen - nach den Kriterien der Mineralwasserreklame - unattraktive, mehr oder weniger dicke Frauen die Hauptrollen. Josiane Balasko in Bliers Trop belle pour toi, Genevieve Lemon in Jane Campions Sweetie, dem australischen Wettbewerbsbeitrag, und Marianne Sägebrecht in Percy Adlons Rosalie Goes Shopping,, einem der deutschen Wettbewerbsbeiträge.
Zwischen diesen Filmen gibt es eine - vielleicht zufällige
-ästhetische Übereinstimmung: Alle drei bevorzugen breite Bildformate - als wären ihre voluminösen, dabei regsamen Objekte anders nicht zu fassen -; und alle drei zeigen in Farblichkeit, Bildkomposition, Erzählweise und Montage einen deutlichen Willen zur Stilisierung, als müßten sie ein bißchen auf Distanz gehalten werden: Campion und Blier greifen auch noch auf Weitwinkelobjektive zurück.
Am unproblematischsten ist die Erscheinung der dicken Frau in Rosalie Goes Shopping, Marianne Sägebrecht füllt einfach das Bild. „Drei Stücke“, sagt sie, als der Bankdirektor fragt, ob sie Zucker in den Kaffee möchte. Damit wickelt sie ihn ein. Rosalie, eine Bad Tölzerin in Arkansas, ist Scheckbetrügerin. Nun plant sie einen größeren Deal. Alles für die vielköpfige Familie, die sie in ausgedehnten Einkaufstouren mit den Segnungen der Warenwelt versorgt.
Es geht glatt, ein bißchen zu glatt vielleicht, so wie mir Percy Adlons Bilder mit ihrem künstlichen rosa und blauen Licht ein bißchen zu aufgeputzt sind, auch der Himmel ist meist mit rosa oder blauen Filtern abgedeckt. Das mag ironisch gemeint sein, es wirkt als Euphemismus.
In Bertrand Bliers Film, über den hier schon berichtet wurde, gewinnt die Kamera kein rechtes Verhältnis zu den Personen, obwohl Blier ständig so tut. Sie fährt mehr an ihnen lang.
Jane Campions Sweetie ist ein autobiographischer Film, eine Widmung an die tote Schwester, Campions Alter ego ist Kay (Karen Colsten), die den Film aus dem Off erzählt. Auch Genevieve Lemon als Sweetie füllt das Bild, wie Marianne Sägebrecht, allerdings in der überscharfen und bedrohlichen Perspektive des Weitwinkelobjektivs. Kay dagegen wird meist im Ausschnitt gezeigt, ein halber Körper am äußersten Bildrand. Kay sieht sich von Sweeties überbordender Sinnlichkeit und Verrücktheit buchstäblich verdrängt. Sweetie ist eine Familienhölle aus Inzestmotiven und tragischen Beziehungen. Sweeties Tod ist für die Schwester eine Erleichterung, der Film eine Trauerarbeit daran. Privat und stückhaft, sehr verstörend. Das Publikum hat ihn ausgebuht.
Thierry Chervel
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