Forscher zu Hessens Wirtschaft: "Die Möglichkeiten sind beschränkt"

Auch wenn sich Roland Koch im Wahlkampf als Wirtschaftskapitän inszeniert: Bundesländer wie Hessen können der Krise wenig entgegensetzen, urteilt der Wirtschaftsforscher Alfons Schmid.

In seinem Handlungsspielraum laut Wirtschaftsforscher Schmid eingeschränkt: Lokalmatador Koch. Bild: ap

taz: Herr Schmid, Roland Koch wirbt im Wahlkampf, "in Zeiten wie diesen" habe er die nötige "Kompetenz" zu bieten. Kann eine Landesregierung in der Wirtschaftskrise überhaupt etwas ausrichten?

ALFONS SCHMID, 66, ist Direktor des Instituts für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) und Wirtschafts-professor an der Uni in Frankfurt.

Alfons Schmid: In einer Konjunkturkrise wie dieser sind die Möglichkeiten von Bundesländern beschränkt, also auch die von Hessen.

Als Teil des ersten Konjunkturpakets sollen Kommunen ohnehin geplante Baumaßnahmen, zum Beispiel an Straßen und Schulen, vorziehen. Ist das sinnvoll?

Prinzipiell ja. Das sind klassische keynesianische Konjunkturprogramme, um die Wirtschaft durch staatliche Nachfrage direkt zu stützen. Bei ihnen ist die Gefahr geringer als bei Steuergutschriften oder Konsumgutscheinen, dass die Bürger das Geld sparen.

Können solche Programme verhindern, dass in Hessen oder anderswo Arbeitsplätze vernichtet werden?

Das funktioniert nur, wenn die staatlichen Ausgabenprogramme auch den Konsum der Haushalte und die Investitionen der Unternehmen anregen. Ob so etwas klappt, weiß heute niemand.

Deutsche Bahn, Lufthansa, Opel, Deutsche Bank oder Allianz: Die Liste der in Hessen vertretenen Unternehmen ist lang. Wie wird sich die Krise auf die großen Firmen auswirken?

Wie ein Unternehmen die Krise übersteht, hat nicht so viel mit seiner Größe zu tun, sondern mit seiner Branche. Im Rhein-Main-Gebiet, dem wirtschaftlichen Kernland Hessens, werden vor allem die Banken betroffen sein. Ob es dort nur zu Kurzarbeit kommt oder zu einem Stellenabbau, ist aber noch nicht absehbar. In anderen für Hessen wichtigen Bereichen, etwa bei Dienstleistungen für Unternehmen, sind die Aussichten günstiger.

Sie haben im Oktober Unternehmen befragt und sind zu einem erstaunlichen Ergebnis gekommen: Die Firmen rechnen damit, dass die Zahl der Beschäftigten 2009 in etwa gleich bleibt. Wie kann das sein?

Die Betriebe waren damals offensichtlich nicht so pessimistisch. Ich vermute, dass die Unternehmen heute weniger optimistisch in die Zukunft blicken.

Bringt der geplante Ausbau des Frankfurter Flughafens wirklich tausende neuer Jobs, wie CDU und FDP behaupten?

Ich schätze, es werden nicht so viele Arbeitsplätze geschaffen, wie derzeit behauptet wird. Aber zusätzliche Jobs entstehen kurzfristig sicherlich. Eine wichtigere Frage ist: Lassen sich angesichts von langfristig knapper Energie durch den Ausbau von Flughäfen überhaupt noch in nennenswertem Umfang Arbeitsplätze auf Dauer aufbauen? Übrigens ist auch die hessische SPD für den Ausbau des Frankfurter Flughafens. Etwas strittiger ist der Ausbau des Flughafens in Kassel-Calden.

Wann geht es in Hessen wirtschaftlich wieder aufwärts?

Das lässt sich derzeit schwer abschätzen. Entweder wirken die internationalen und nationalen Konjunkturprogramme, dann geht es hoffentlich relativ schnell. Oder es liegen bei den Banken noch Leichen im Keller, dann werden wir wohl auch in Hessen eine längerfristige Krise haben. Aber letztlich ist das gegenwärtig Kaffeesatzleserei.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de