Förderunterricht an Berliner Schulen: Die Sieben-Minuten-Nachhilfe

Migranten, Behinderte - nun auch Arme: Immer mehr Schüler brauchen eine Zusatzförderung. Es müssten also mehr Lehrer eingestellt werden. Stattdessen kürzt der Senat die Förderzeit pro Kind.

Der kann schon Deutsch, der braucht keine Minute Unterricht mehr: Schüler beim Schreiben eines Aufsatzes Bild: ap

Lehrer sind gefragt wie nie. Die Senatsverwaltung teilt derzeit die Lehrerstunden für das kommende Schuljahr neu zu - und zwar so, dass auch deutsche Schüler Sprach-Nachhilfe im Unterricht bekommen. Die Crux dabei: Die Zahl der Geförderten wächst, nicht jedoch die der Lehrer. Schon jetzt sehen sich daher Brennpunktschulen in der Innenstadt als Verlierer. "Wir befürchten, dass Schulen mit hohem Migrantenanteil Förderstunden in die Armutsgebiete am Stadtrand abgeben müssen", sagt Inge Hirschmann vom Grundschulverband.

Sie stützt sich dabei auf die neuen Richtlinien zur Zumessung der Lehrkräfte. Danach reduziert sich die Förderzeit für ein Kind nichtdeutscher Herkunft von 25 auf 7 Minuten pro Woche. Zusätzlich dürfen sich Lehrer künftig um Kinder aus Hartz-IV-Haushalten nun wöchentlich 7 extra Minuten kümmern. Aber erst, wenn der Anteil von Hartz-IV- beziehungsweise Migranten-Kindern jeweils 40 Prozent übersteigt, bekommt die Schule überhaupt zusätzliche Sprachförderstunden. Erfüllt ein Kind beide Kriterien, summiert sich die Förderzeit auf 14 Minuten. Auch das bedeutet immer noch einen Verlust im Vergleich zu heute. "Unsere Schule verlöre eine ganze Lehrerstelle", sagt Hirschmann, zugleich Leiterin der Heinrich-Zille-Grundschule in Kreuzberg. Auch die Galilei- und die Glaßbrenner-Grundschule, die ebenfalls im Kreuzberger Einzugsgebiet liegen, müssen mit ein bis zwei Lehrerstellen weniger rechnen. "Manche Erstklässler können nicht mal eine Schere halten", mahnt Schulleiterin Gerti Sinzinger.

Die Senatsverwaltung beschwichtigt: "Die internen Berechnungen sind noch nicht abgeschlossen", sagt ein Sprecher von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD). Zusätzlich zur Grundausstattung hält Zöllner einen Stundenpool in Reserve, aus dem nach Bedarf zusätzliche Stunden verteilt werden. Mario Dobe vom Ganztagsschulverband sieht dennoch keinen Grund zur Entwarnung "Die Meldungen aus den Schulen sind beunruhigend. Soviele Stellen wie benötigt werden, gibt es im Pool nicht."

Aber nicht nur Schulen mit hohem Migrantenanteil, auch Integrationsschulen für geistig und körperlich Behinderte müssen bangen. Die Zahl der garantierten Förderstunden wird halbiert: So werden einem autistischen Kind in der Oberstufe nur noch sechs statt zehn wöchentliche Integrationsstunden zuteil.

Schulleitern und Lehrern hat die Dienstbehörde vorsorglich untersagt sich öffentlich zu äußern. Aber Karla Werkentin, pensionierte Schulleiterin der Karl-Brandt Schule in Weißensee, darf reden. An ihrer ehemaligen Hauptschule, die behinderte Schüler integriert, wären nach neuer Zumessung ab September etwa vier bis fünf Lehrerstellen weggefallen. Erst nach Protesten legte die Schulaufsicht nach. "Die Zuweisung ist völlig intransparent und der Kampf muss jedes Jahr aufs Neue geführt werden", ärgert sich Werkentin.

Aufatmen dürfen hingegen Schulen in den Banlieues Berlins, in Marzahn und Hellersdorf etwa. Diese erhielten jahrelang keinerlei Extra-Stunden. "Wir sind froh, nun Einzelförderung und Teilungsunterricht anbieten zu können", sagt Manuela Heckendorf, Konrektorin der Friesen-Grundschule in Marzahn. Probleme hätten hier nicht die ausländischen sondern viele deutsche Schüler: "Niemand spricht zu Hause mit ihnen, sie werden dort nur gehortet."

Die Schulen wollten sich aber nicht gegeneinander ausspielen lassen, betont Dobe vom Ganztagsschulverband. Mehr Stellen würden benötigt. Es nütze nichts eine zu kurze Decke hin- und herzuzerren: "Einer kriegt immer kalte Füße."

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