Förderprogramm fürs Landleben: Raus aus Berlin

Brandenburg unterstützt den Umzug von Berlin aufs Land – entlang einer Achse von der Hauptstadt nach Hamburg.

Ein Mann in weißem Hemd steht vor einer Kleinstadt mit Kirchturm

Platz für Neuzugänge: Wittenberge, hier mit Bürgermeister Oliver Hermann Foto: Arne Immanuel Bänsch/dpa

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde über die Prignitz vor allem gewitzelt. 46 Einwohnerinnen und Einwohner pro Quadratkilometer zählte der Landstrich im Nordwesten Brandenburgs 2004 – und galt damit nach EU-Definition als „unbesiedelt“. Inzwischen ist die Bevölkerungsdichte auf 77 Einwohner gestiegen, und es geht weiter aufwärts, freut sich Annett Jura, Bürgermeisterin der Kreisstadt Perleberg. „Vier von zehn Berlinern wollen aufs Land ziehen.“

Doch es sind nicht nur die Berlinerinnen und Berliner, die der Prignitz, gelegen auf halbem Weg nach Hamburg, eine Frischzellenkur verpasst haben, es war auch die Politik in der Landeshauptstadt Potsdam. Gleich nach den verheerenden Zahlen von 2004 hat die brandenburgische Landesregierung ihre Förderpolitik vom Kopf auf die Füße gestellt. Statt die Mittel mit der Gießkanne zu verteilen, wurden sie ab 2005 auf fünfzehn sogenannte Regionale Wachstumskerne konzentriert. „Stärken stärken“ hieß der Claim, dem nun ein neuer folgt: „Stärken verbinden“.

Künftig soll das Geld nicht mehr nur in die Wachstumskerne fließen, sondern entlang der Achsen, die diese Kerne miteinander verbinden. Auch die Achse von Berlin in die Prignitz gehört dazu. Was das für Städte wie Perleberg oder Wittenberge an der Elbe bedeutet, war Thema eines Zukunftsforums Berlin-Brandenburg, das die Stiftung Zukunft Berlin diese Woche auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tegel veranstaltet hat.

Dass da nicht einfach nur ein hübsches neues Planerbild implementiert wurde, sondern dieses auch mit unkonventionellen Ideen zum Leben erweckt wurde, hat der „Summer of Pioneers“ in Wittenberge gezeigt. Zielgruppe waren junge Menschen aus Berlin. „Aber Sehnsucht aufs Land ist das eine, den konkreten Schritt zu machen, das andere“, erklärte Siw Foge vom Technologie- und Gewerbezentrum Prignitz. Also hat sie dafür gesorgt, dass in Wittenberge Wohnungen und Arbeitsplätze bereitgestellt wurden, in denen Berliner Hipster auf Probe Land spielen durften. 60 Bewerber gab es auf 27 Plätze. „Von denen sind 15 geblieben“, freute sich Foge.

In Tegel wurde diskutiert, ob dies auch ein Modell für andere Regionen ist. „Es ist nicht der Co-Working-Space, der die Leute in der Region hält, es ist die Community“, fasste Foge ihre Erfahrungen zusammen. „Die Leute wollen den Austausch.“ Voraussetzung dafür seien eine offene Verwaltung und eine gute Verkehrsanbindung. „Es ist ein Vorteil, wenn man auf einer Entwicklungsachse ist. Mobilität im ländlichen Raum ist wahnsinnig wichtig.“

„Smart Country“, digitales Landleben, heißt das Zauberwort für den Chef der Brandenburger Wirtschaftsförderung, Steffen Kammradt. „Da kommen Orte in den Fokus, die wie Wittenberge eine besondere Schönheit haben.“ Außerdem habe die Lausitz gezeigt, dass die Achsen ein Erfolgsmodell werden können. Auf der Entwicklungsachse Berlin-Lausitz nämlich soll im verschlafenen Spreewaldstädtchen Lübben ein Co-Working-Space der Wissenschaftsstadt Berlin-Adlershof entstehen. Nicht Homeoffice ist die Devise, sondern Vernetzung im ländlichen Raum und weniger Pendelkilometer.

Beispiele wie diese zeigen auch, dass Berlin und Brandenburg keine Konkurrenten mehr sind, sondern gleichberechtigte Akteure der Hauptstadtregion. Interessant ist aber, dass der Impuls dazu weniger aus der Politik kam, sondern von einem zivilgesellschaftlichen Akteur wie der Stiftung Zukunft Berlin. Merke: Es ist nicht selbstverständlich, dass man miteinander redet, aber wenn man erst mal am Tisch sitzt, will man auch Ergebnisse sehen.

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Dieser Artikel stammt aus dem stadtland-Teil der taz am Wochenende, der maßgeblich von den Lokalredaktionen der taz in Berlin, Hamburg und Bremen verantwortet wird.

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