„Flitzer“ beim Sport: Applaus für den Herrn ohne Hose
Beim Superbowl zeigt ein Mann die Pobacken. Doch Flitzen schockiert längst nicht mehr. Dafür ist es wenigstens erfrischend harmlos.
Foto: Dirk Shadd/zumapress.com/picture alliance
Beim Endspiel der US-Football-Liga ist Sonntagnacht mal wieder ein Nackter übers Feld gelaufen. Ein Halbnackter vielmehr, der Mann trug Shorts, als er sich Zugang zum Spielfeld verschaffte, die dann runterrutschten und einen pinken Mankini freigaben. Der „Flitzer“, wie so was hierzulande heißt, machte offenbar Werbung für den Kanal eines russischen Youtubers.
Das Blankziehen bei massenmedialen Sportevents, auf Englisch streaking, ist längst keine Kuriosität mehr, sondern einfach Teil des Sports. Immer mal wieder findet ein nackter oder fast nackter Mann seinen Weg aufs Feld und zu acht Sekunden Ruhm. Und ja, ehe Sie einschreiten: Es sind nicht immer Männer, es hat auch schon flitzende Frauen gegeben.
Geschockt ist davon niemand mehr, unterhalten dagegen schon. Ob aber der Nackedei selbst spannend ist oder nicht eher die Sicherheitskräfte, die ihn jagen und sich am Ende meist auf ihn werfen, wäre eine Überlegung wert.
Der angeblich erste „Flitzer“ soll ein Mann namens Michael O’Brien gewesen sein, der 1974 bei einem Rugbyspiel in London nackt aufs Feld rannte. Kaum zu glauben, immerhin war die Live-Übertragung von Sportevents zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr neu. Andererseits brachten die 68er ja auch erst kurz zuvor diese gewisse Lust auf Nacktheit wieder. Das englische Wort streaking ist aber älter, der Nudismus sowieso.
Flitzen kann Kunst sein – ist es aber meistens nicht
Viel eher hatte Mr. O’Brien schlicht das Glück, dass er hervorragend fotografiert worden ist. Fotograf Ian Bradshaw gelang damals ein Schnappschuss, bei dem einfach alles stimmt. Der vollbärtige, langhaarige O’Brien, jesusgleich und abendmahlerisch die Rechte zur klagenden Judasgeste gestreckt, die Körpermitte im klassischen contrapposto zu einer Seite geneigt; abgeführt von mehreren Polizisten, von denen einer die Scham mit seiner Mütze bedeckt; während im Hintergrund jemand mit einer Jacke heraneilt, wie die Hore in Botticellis „Geburt der Venus“.
Die Erleichterung und Zumutung von Nacktheit im Angesicht der Autorität: Das ist der Geist des Flitzers. Nur, verglichen mit O’Briens ikonischem Moment wirkt jede Aktion seither dann doch traurig irdisch und gewöhnlich. Immerhin ist diese Form der sexualisierten männlichen Grenzüberschreitung eher harmlos. Belästigt wird vom Flitzer niemand, und Schaden nimmt am Ende höchstens er selbst.
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