Filmfestspiele in Cannes: Zornige Isabelle
■ Das Festival hat begonnen – ein Überblick über das Programm
Guten Morgen, Monsieur, der Strand ist geharkt. Die Sonne tut, wie meist in Cannes, ihre Pflicht. Anmutig schwingt sich die Bucht. Die Stadt wird von einem Plakat dominiert, das nicht das des Festivals ist: Es handelt sich um das Cover der Filmzeitschrift „Studio“ und zeigt Isabelle Adjani, die so böse guckt, daß man sich kaum traut, drunter durchzugehen. Auf ihren Film, die Komödie „Toxic Affair“ von Philomene Esposito, wird man allerdings noch bis zur Schlußgala des Festivals warten müssen. Eröffnet wurde gestern abend mit der anderen Blonden des französischen Kinos, der königlichen, manchmal etwas langweiligen Catherine Deneuve, die jetzt kurze Haare hat und in Andre Techines „Ma saison préférée“ erstmals an der Seite von Daniel Auteuil spielt.
Außerdem in Cannes: Die Fortsetzung des in Frankreich so vergötterten „Himmels über Berlin“, Wim Wenders' „In weiter Ferne so nah“, wo man Gorbatschows innerem Monolog beim Fällen schwerwiegender historischer Entscheidungen zuhören darf, während ihm der verbliebene Engel Gabriel – oder war es Daniel? – tröstend, aber unbemerkt, die Hand auf die Schulter legt. Das amerikanische Kino ist in diesem Jahr mit nur vier Filmen in der offiziellen Reihe vertreten, unter anderem, außer Wettbewerb, das Alpinistendrama „Cliffhanger“ mit Sylvester Stallone. Aus Frankreich kommen Alain Cavaliers stummer Schwarzweißfilm „Libera me“ und Roger Planchons Kostümfilm „Louis, enfant roi“ über die Kindheit Ludwigs XIV. Aus England kommen vier Filme – Peter Greenaways in Köln gedrehter „The Baby of Macon“ und die neuen Filme von Mike Ligh und Ken Loach gehören dazu. China und Taiwan sind mit Hou Siao Sien und Chen Kaige, die Italiener mit den Tavianis, Pupi Avati und Ricky Tognazzi vertreten. In Afrika, Lateinamerika und den größten Teilen Osteuropas scheint es dagegen kein Kino mehr zu geben.
Einer der meisterwarteten Filme des Wettbewerbs ist Jane Campions „The Piano“. Außer Wettbewerb läuft Akira Kurosawas neuer Film. Es fehlen: Spielberg, Scorsese, Bertolucci, Schlesinger, Trotta, Godard – teils weil das Festival ihre Filme nicht wollte, teils weil sie das Festival nicht wollten, teils weil die Filme nicht rechtzeitig fertigwurden. Die Jury wird von Louis Malle geleitet. Mitglieder sind unter anderen die Regisseure Emir Kusturica und Abbas Kiarostami.
Lau und blau kräuselt sich das Mittelmeer. Keiner sieht hin. Die Restaurantbesitzer erhöhen die Preise. Auf dem Festivalplakat geben sich Ingrid Bergman und Cary Grant den längsten Kuß der Filmgeschichte. Aber das ist nichts gegen die zornige Isabelle. Thc
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