Filmfestspiele in Cannes: In aller Bescheidenheit
■ Stephen Frears' „The Snapper“
Ist Stephen Frears nicht einer der zwei, drei genialsten Regisseure des heutigen Kinos? Er ist kein Autorenfilmer, er verfilmt Drehbücher von anderen, aber er hat ein extrem feines Gespür für Rhythmus – nur dadurch hält ein Film zusammen – und die Liebe zu den Schauspielern und den Figuren, die sie verkörpern. „The Snapper“ ist ein billiger kleiner Fernsehfilm, auf 16 Millimetern für die BBC gedreht, und überstrahlt alles, was bisher in Cannes zu sehen war.
Vater, Mutter, sechs Kinder in einem mehr als bescheidenen Dubliner Reihenhaus. Die älteste Tochter, Sharon, bekommt ein Kind. Von wem? Von George Burgess, dem dicken Spießer und Familienvater von gegenüber? Alle Indizien sprechen dafür. Aber Sharon hat eine andere Version: Es war ein spanischer Matrose, der leider schon längst abgereist war. „It was brilliant“, versichert Sharon. Es kommt wie immer in Irland: Die bessere Geschichte setzt sich durch. Der Film beruht übrigens auf dem zweiten Teil der Romantrilogie „Barrytown“ von Roddy Doyle, deren ersten Teil – „The Commitments“ – Alan Parker verfilmte.
Es ist fraglich, ob „The Snapper“ in die Kinos kommt. Die Rechte für die alten Schlager, die in dem Film eine wichtige Rolle spielen, wurden nur fürs Fernsehen erworben. Fürs Kino wären sie erheblich teurer. Aber nur Filme wie „The Snapper“ können das sich in Cannes bisher so kraftlos präsentierende Medium Kino retten.
Noch einer versteht es, sich zurückzunehmen: Robert de Niro spielt in John McNaughtons „Mad Dog and Glory“ einen sensiblen und kunstsinnigen, aber nicht eben heldenmutigen Polizeifotografen, der aus Zufall einem Mafioso das Leben rettet und sich dessen Dankes in Gestalt von Uma Thurman nicht erwehren kann. Und dann küssen sie einen der schönsten Filmküsse der letzten Jahre.
„The Snapper“ und „Mad Dog and Glory“ haben jene unprätentiöse Genauigkeit im Detail, als die man „Liebe zum Kino“ auch definieren kann. Ihre Energie saugen sie aus dem reichhaltigsten Rohstoff: der sozialen Realität. Die Festivalleitung scheint das unappetitlich zu finden. „The Snapper“ lief in der Jungfilmern vorbehaltenen „Quinzaine“, „Mad Dog and Glory“ in der Reihe außer Wettbewerb. Thierry Chervel
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