Film Festival Hong Kong: Eine hübsche und mutige Queen

Beim Internationalen Film Festival ist der Niedergang der Filmindustrie in Hongkong zu spüren. Im Programm steckt trotzdem cinephiler Enthusiasmus.

Teppichgeflüster: der Hauptdarsteller des Films „Ip Man: The Final Fight“ Anthony Wong und seine Kollegin Zhou Chu Chu in Hongkong. Bild: dpa

In seinem erstaunlichen Grußwort schreibt Li Cheuk-to, der künstlerische Leiter des Hong Kong International Film Festival, mit Blick auf die fortschreitende Kommerzialisierung und den technischen Wandel, der sich weitgehend an der großen Leinwand vorbei vollzieht: „After paradise lost, one can always emulate Sisyphus“. Der Eröffnungsfilm des diesjährigen Festivals passt auf seine Weise gut zu diesem Satz.

Herman Yau, der Regisseur von „Ip Man: The Final Fight“, ist als unterschätzter Vielfilmer und Fixpunkt der einheimischen Filmindustrie einer jener Sisyphusse, die das finanziell angeschlagene Hongkong-Kino weiter am Laufen halten.

Sein neues Werk geht von derselben realen Biografie – vom Leben eines legendären Kampfkunstlehrers – aus wie Wong Kar-Wais „The Grandmaster“. Zu dessen geschichtsvergessenem Pomp bilden Yaus kleinformatig angelegte Zeitbilder einen willkommenen Kontrast.

„Ip Man: The Final Fight“ ist eine Rückschau auf das Hongkong der 1950er und 1960er Jahre; in Detailerinnerungen an selbst gedrehte Zigaretten und alte Popsongs durchaus nostalgisch, im Ganzen jedoch getragen von einer sehr nüchternen Melancholie: Der alte Kampfkunstlehrer Ip Man bekommt zwar noch die Gelegenheit zum knochenbrecherisch inszenierten letzten Auftritt, aber um viel mehr als um die eigene Ehre geht es da nicht mehr.

Sein eigenes, privates Paradies hat er längst verloren und in der großen Geschichte, die um ihn herum eine ganze Stadt transformiert, ist er sowieso nur Zaungast.

Bruder Bruce Lee

Ip Man war einst aus dem von Bürgerkrieg und bald auch von Hungersnöten gezeichneten China nach Hongkong ausgewandert, wo er die Anfänge eines beispiellosen Wirtschaftsbooms miterleben konnte. Sein Schüler Bruce Lee wurde zum größten Star der gleichfalls aufstrebenden lokalen Filmindustrie.

Heute verlagert sich die Filmszene, wie so vieles andere, wieder nach Peking, ins nun seinerseits boomende Mainland-China. Das kommerzielle Filmschaffen Hongkongs hat es selbst in der eigenen Stadt zunehmend schwerer gegen die chinesischen Blockbuster und vor allem gegen die Hollywood-Konkurrenz. Und ein der Filmkunst verpflichtetes Festival befindet sich noch deutlich weiter an der Peripherie des urbanen Alltags.

Vom Festivalhype, der hierzulande nicht nur die Berlinale zu immer neuen Besucherrekorden treibt, ist in Hongkong wenig zu spüren. Statt wie am Potsdamer Platz den öffentlichen Raum mit großer Geste in Beschlag zu nehmen, quartiert sich das HKIFF zwei Wochen lang als gerade mal noch geduldeter Gast in Multifunktionsgebäude und kleine Nebensäle einiger Multiplexe ein(zu denen man nur gelangt, nachdem man gefühlte 100 Einkaufszentren durchquert hat); und auch diese Säle bekommt es selten gefüllt.

Anlass für cinephilen Enthusiasmus gibt es dabei eigentlich genug angesichts eines Programms, das von einem scheuklappenfreien Kinoverständnis zeugt. Vor allem gelingt es wohl weltweit keinem zweiten Festival, das asiatische, insbesondere das ostasiatische Filmschaffen in einer vergleichbaren Breite, von sperrigen, experimentellen No-Budget-Produktionen bis zu den südkoreanischen und japanischen Blockbustern der Saison, abzubilden.

Zwischen Performance Art und Internetpornografie

Da steht dann neben Takeshi Kitanos souveräner Gangsterfilmvariation „Outrage Beyond“ schon einmal ein krudes, im besten Sinne durchgeknalltes Ding wie Sherad Anthony Sanchez’ „Jungle Love“: ein philippinisches Digitalexperiment irgendwo zwischen Performance Art und Internetpornografie, eine Reise in den Urwald, bei der alle Beteiligten die Kontrolle über sich und ihre erogenen Zonen verlieren.

Auch die größte Entdeckung in der Young Cinema Competition, der offiziellen Wettbewerbssektion, erkundet furchtlos ungeheure Gefühle: Yang Tian-yis „Longing for the Rain“ porträtiert eine Frau aus der gehobenen Mittelschicht, die eine Affäre mit einem Geist beginnt. Der Film schämt sich nicht für seine trashige Prämisse, sondern nimmt sie zum Anlass, gemeinsam mit seiner Hauptfigur die vorgezeichneten Pfade zu verlassen und einen unvoreingenommenen Blick auf die Welt zu werfen.

Auch die historischen Programme waren dazu geeignet, das unbarmherzige Wirklichkeitsprinzip herauszufordern. Die größte Retrospektive war dem Studio Golden Harvest gewidmet, das in den 1970er und 1980er Jahren mit Hilfe von Stars wie Bruce Lee oder Jackie Chan das kommerzielle Kino Hongkongs revolutionierte.

Lazenby, schräge Vogel

Neben deren klassischen Prügelfilmen finden sich in der Retrospektive auch schrägere Vögel: Den ganz normalen Wahnsinn der 1970er Jahre bekommt man zum Beispiel in „A Queen’s Ransom“ serviert, einer deliranten internationalen Koproduktion, in der ein Spezialkommando Queen Elisabeth II. während eines Hongkong-Besuchs beschützen muss.

Und zwar vor einer Truppe derangierter Terroristen, die von dem deplatziert wirkenden früheren Bond-Darsteller George Lazenby angeführt werden und, wie sich am Ende herausstellt, der englischen Königin genauso treu ergeben sind wie die ehrbaren Bürger der damaligen Kronkolonie: „Natürlich wollten wir sie nicht wirklich töten. Wir lieben die Queen, sie ist hübsch und mutig!“

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