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Karel Čapeks „Der Krieg mit den Molchen“ las man bei Erscheinen in den 1930ern als phantastische Kritik an Kapitalismus und Faschismus. Heute weckt er noch ganz andere Assoziationen

Von Ulrich Rüdenauer

Woran lässt sich ein Klassiker erkennen? Unter anderem daran, dass er von jeder Generation neu gelesen und auf die Fragen der jeweiligen Zeit bezogen werden kann. Im besten Fall hat so ein Klassiker von Anfang an etwas Uneindeutiges, Geheimnisvolles, Verstörendes, das sich auch 50 oder 100 Jahre nach seinem Erscheinen nicht in eine allgemein verdauliche Lesart auflösen lässt.

„Der Krieg mit den Molchen“ ist ein solches Buch. Sein Autor Karel Čapek hat es geschrieben, weil es ihm von seiner Gegenwart aufgetragen worden war: Es sind die mittleren 1930er Jahre. Europa hat es im Westen mit dem Faschismus zu tun, aus der anderen Richtung droht der Kommunismus stalinistischer Ausprägung. Und mittendrin, in Prag, sitzt Karel Čapek und versucht, sich einen Reim auf seine Zeit zu machen.

Er tut das in Form einer Dystopie – einer spielerischen, formal geradezu wilden negativen Utopie. Es beginnt alles mit Kapitän van Toch, der in der Südsee eine Riesensalamanderart entdeckt, die äußerst unansehnlich ist und sich zugleich als ziemlich lernfähig entpuppt: „‚There you go, min Jung‘, freute sich der Kapitän. Tagsüber hab ich denn ein Plan gemacht. Ich wollte die Eidachses – zähmen, yep? – zähmen und trainieren, damit sie mir holen die perl shells rauf. Da unten mussten ja lots of perl shells sein, da unten in die Devil Bay.“

Auf die Perlen hat er es also abgesehen, auf Profit. Er bewaffnet die Eidechsen mit Messern, damit sie sich gegen Haie verteidigen können. Es gelingt ihnen sogar, diese als Werkzeug zu nutzen, um Muscheln zu öffnen. Sprechen lernen sie ebenfalls. Bald verrichten sie unter Wasser viele weitere Arbeiten, die dem Menschen kaum möglich wären. Es entwickelt sich ein prächtiges Geschäftsmodell. An allen Küsten werden Molche gezüchtet und als Arbeitsheere eingesetzt. Sie erweitern Küsten, hantieren dabei mit Dynamit und Gerätschaften, die man ihnen zur Verfügung stellt. Millionen, bald Milliarden Echsen buddeln und sprengen, schütten auf – und ihre tierische Natur schütteln sie nach und nach ab.

Verschiedene wissenschaftliche Disziplinen beschäftigen sich mit den Molchen, es gründen sich Ligen zu deren Schutz, die Arbeiterbewegung nimmt sich der modernen Sklaven an, die künstlerische Avantgarde sieht mit ihnen ein neues Zeitalter aufziehen. Das Motto: Nach uns die Molche! „Und so wurde die Lyrikbewegung der Jung-Salamandrianer aus der Taufe gehoben, Tritonen- beziehungsweise Tripeltonmusik komponiert sowie – in Anlehnung an die Formensprache der Hohltiere, Quallen und Korallen – pelagische Malerei geschaffen.“

Land wird in Meer verwandelt

Eine Revolution. Nur laufen die Dinge irgendwann aus dem Ruder. Die Molche werden eigensinnig, sie lehnen sich auf. Mithilfe menschlicher Anwälte und eines „Chief Salamander“ getauften Anführers, der als Gefreiter im Ersten Weltkrieg diente – natürlich muss man da an Hitler denken –, kehren sie die Vorzeichen um und machen zur Gewinnung eigenen Lebensraums gegen den Menschen mobil. Der Krieg beginnt. Umweltkatastrophen werden von den Reptilien losgetreten. Land wird in Meer verwandelt, der Mensch muss sich in die Berge zurückziehen.

Čapeks Roman konnte man seinerzeit als fantastische Kritik am Kapitalismus lesen, als Warnung vor dem aufkommenden Faschismus, als Einspruch gegen die Unterjochung der Natur. Liest man den nun von Doris Kouba neu übersetzten Roman 90 Jahre nach seinem Erscheinen, dann kommen einem noch ganz andere Dinge in den Sinn. Der Klimawandel und seine Folgen etwa: Riesige Wellen reißen Häuser mit, Menschen werden weggeschwemmt, das Meer dehnt sich aus, Wasser verschlingt ganze Landstriche.

Unweigerlich aber denkt man auch an die technologische Revolution unserer Epoche, an KI und nicht mehr kontrollierbare Maschinen, die von einer der Hybris verfallenen Tech-Elite geschaffen werden. Die unbesiegbaren Salamander-Massen erinnern an selbststeuernde Drohnen und Roboterarmeen, die längst, aus autoritären Fantasien geboren, ins Werk gesetzt werden. Was der Mensch erschaffen kann, erschafft er auch. Moralische Grenzen gibt es nicht. Und wie bei Goethes Zauberlehrling richten sich die Geister, die er ruft, irgendwann gegen ihn.

Eine grandiose Collage

Karel Čapeks Dystopie ist anders als die reale allerdings mit großem Vergnügen zu lesen. Der Mann muss ein Universalgelehrter gewesen sein. Mit großem Spaß führt er im Roman verschiedene Textsorten zusammen, von zoologischen Studien über Feuilletons bis zu philosophischen Abhandlungen (eine Parodie auf Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ etwa), von Satiren bis zu Parodien. Eine grandiose Collage. Fast nimmt er die Postmoderne vorweg.

Neben Jaroslav Hašek gilt der 1890 in Malé Svatoňovice im damaligen Österreich-Ungarn geborene Karel Čapek als bedeutendster tschechischer Autor des 20. Jahrhunderts. Hat Hašek mit „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ sein Meisterwerk abgeliefert, so Čapek mit „Der Krieg mit den Molchen“. 1936 erschien dieser inhaltlich wie formal Aufsehen erregende Roman erstmals – zwei Jahre vor dem frühen Tod des produktiven Journalisten, Erzählers, Dramatikers, Essayisten und Kinderbuchautors.

Julius Mader hat das Buch bereits 1937 ins Deutsche gebracht – diese Übertragung war auch die Grundlage für die im Aufbau-Verlag 1954 erschienene Ausgabe. In Westdeutschland erschien 1964 eine Übersetzung von Eliška Glaserová, die später noch in revidierten Fassungen herauskam. Nun hat sich die vielfach ausgezeichnete, in Prag und Hamburg lebende Doris Kouba an eine Neuübersetzung gewagt, die brillant gelungen ist. „Der Krieg mit den Molchen“ ist auch dank herausragender Übertragungen wirklich ein Klassiker nicht nur der tschechischen, sondern der europäischen Literatur.

Karel Čapek: „Der Krieg mit den Molchen“. Aus dem Tschechischen von Doris Kouba. S. Fischer Verlag. Frankfurt am Main 2026. 368 Seiten, 26 Euro; E-Book 22,99 Euro