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Farbe bekennen

Man dürfe sich niemals Farben wegnehmen lassen, sagte mein Grafik-Professor Fons Hickmann stets. Damals, Ende der 2010er Jahre, ging es meist noch um Schwarz-Weiß-Rot in Kombination, doch heute, spätestens seit einer Woche, geht es wohl ums Blau. Eine ganze Emoji-Welt soll die AfD sich aufgebaut haben, mit der Sympathien und Zugehörigkeiten bekundet würden, darunter auch das blaue Herz.

Während das Cadenabbia-Türkis der CDU, das CSU-Blau oder auch das sogenannte Sebastian-Kurz-Türkis der ÖVP mit Farbcodes im Internet bekannt sind, scheint sich die AfD nicht festlegen zu können. Kein HEX-Code und keine Pantone-Nummer sind zu finden für das, was sich AfD-Hellblau nennt. Es verwundert also wenig, wie stark die Farbe im Parteimarketing variiert, schaut man sich Drucksachen, Digitales oder Ulrich Siegmunds lackierte Schwalbe an. Allein die Ignoranz gegenüber den Feinheiten der Gestaltung könnte hier als Beweis für die Kulturvergessenheit der Partei gedeutet werden.

Nur wenige Pigmente ergaben in vordigitaler Zeit ein reines Blau. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die meisten von ihnen von weit herkamen, wie das erste synthetische Pigment überhaupt, das schon seit 3.000 vor Christus hergestellte Ägyptisch Blau. Es wurde aus Sand, Kalk, Kupfermineral und Natron hergestellt, sein Rezept galt über mehr als tausend Jahre lang als verschollen. Der aus der Indigopflanze gewonnene Indigo stammt aus Indien, das Ultramarin des Lapislazuli aus Afghanistan.

Zwar ermöglichte es auch der europäische Färberwaid, eine Pflanze, die ausgerechnet um Thüringen herum angebaut wurde, einen Indigo-Farbton zu erzeugen. Doch ist die Konzentration des Farbstoffes Indigotin im Waid bis zu zwanzigmal geringer als im ostasiatischen Hülsenfrüchtler Indigofera tinctoria. Um den Farbton zu erlangen, braucht man übrigens lange, stinkende Fermentationsprozesse und jede Menge Urin. Erst im 18. Jahrhundert entdeckte man durch einen Zufall einen weiteren synthetischen Farbstoff: Preußisch oder auch Berliner Blau.

Viele schon sind dem Blau verfallen, und die wenigsten von ihnen würden sich bequem vom engen Kulturbegriff der AfD einfangen lassen. So widmete die amerikanische Autorin und Heldin des autotheoretischen Queerfeminimus Maggie Nelson mit ihren „Bluets“ der Farbe 2009 ein ganzes Büchlein, darin reflektiert sie Liebe und Schmerz und (Über)leben. Der französische Maler und Performancekünstler Yves Klein muss vom widersprüchlich erotischen Potenzial im Farbton besessen gewesen sein. Für seine Anthropometrien ließ er in den 1960ern nackte Frauen mit in Blau getränkten Körpern die Leinwand bemalen.

Eine ganze Nachkriegskunstgeschichte könnte man ums Blau entspinnen. So sprach der Künstler und Regisseur Derek Jarman, an den Folgen seiner Aids-Erkrankung fast erblindet, 1993 in „Blue“ über eine Stunde einen dichten, poetischen Text über ein blaues Standbild. „Blue“ ist mehr Hörstück als Film, Jarman überdenkt darin sein Leben, Lieben und Sterben. „Blue of my heart / Blue of my dreams / slow blue love / of delphinium days“, klingt seine Stimme aus dem Off.

Rittersporn-Tage muss Jarman, dessen eindrucksvoller, exzentrischer Garten in Südengland bis heute erhalten blieb, geliebt haben, dieses Hahnenfußgewächs, dessen alldurchdringendes Blau im Spätsommer die Augen kühlt. Auch der Potsdamer Gärtner Karl Förster konnte nicht vom Rittersporn lassen: Er betrieb eine der wenigen Staudengärtnereien der DDR, erst nach seinem Tod 1970 wurde sie in Volkseigentum überführt. Bis dahin hatte er über 72 Sorten Delphinium gezüchtet oder ausgelesen.

Wenigstens gegen Karl Förster wird die AfD vermutlich nichts haben: Seine Rolle im Nationalsozialismus ist bis heute umstritten. Und doch ist keine seiner Blütenfarben so flach wie die laschblaue Farbe der AfD. Welcher Ton auch immer es sein soll, der dort zugrunde liegt, sicher ist, er ist mit Weiß abgemischt. Dem tiefen, rasenden Pigment sind so die Zähne gezogen. Wahrscheinlich beschreibt die Partei selbst die Farbe als Himmelblau.

Zum Himmel schreibt Maggie Nelson in „Bluets“: „Was mir jedoch in Erinnerung geblieben ist: dass das Blau des Himmels von der Dunkelheit des leeren Raums dahinter abhängt.“ Das stimmt zwar physikalisch nicht ganz, im Zusammenhang eines imaginierten AfD-Himmels klingt es aber eigentlich ganz logisch. Es muss ein sehr dunkler Raum sein. Hilka Dirks

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