Explosion auf Demo gegen Sparpläne: Sprengsatz mit viel Nebel

Nach der Explosion auf einer Demo hat die Polizei noch keine heiße Spur. Auch in linken Foren wird diskutiert, was da eigentlich gezündet wurde.

Wumm: Aus nächster Nähe aufgenommenes Detonationsvideo Bild: Screenshot: youtube.com

BERLIN taz | War es ein selbst gebauter Sprengsatz, ein manipulierter Böller oder im Ausland frei verkäufliches Feuerwerk? Nach wie vor ist unklar, was für eine Sprengladung es war, die am Samstag in Berlin zwei Polizisten bei einer Demonstration an den Beinen verletzt hat. Die Untersuchung sei noch nicht abgeschlossen, sagte Polizeipräsident Dieter Glietsch am Montag im Innenausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses.

Auch wie der Sprengsatz gezündet wurde und wer die Täter sind, ist weiterhin unklar. Einigkeit bestehe nur darin, dass es kein normaler Feuerwerkskörper war. Dafür sei die Detonation zu heftig gewesen. Nicht ausschließen wollte Glietsch, dass konventionelle Böller, zum Beispiel "sogenannte Polen-Böller", manipuliert wurden, um die Wirkung zu verstärken.

Der Sprengsatz war bei der Demonstration "Wir zahlen nicht für eure Krise" explodiert, an der rund 20.000 Leute teilnahmen. Die Ladung detonierte in unmittelbarer Nähe einer Einsatzhundertschaft, die den 450 Teilnehmer zählenden schwarzen Block ins Spalier genommen hatte. Die Stimmung zu diesem Zeitpunkt wird sowohl von Teilnehmern als auch von der Polizei als aufgeheizt beschrieben. Laut Glietsch waren schon vorher Steine und pyrotechnische Gegenstände auf die Beamten geworfen worden, bevor es zischte, eine weiße Rauchwolke aufstieg und eine heftige Explosion erfolgte.

Zu dem Vorfall, bei dem am Samstag durch eine Detonation zwei Polizisten erheblich verletzt wurden, kursieren im Internet zwei Videos. Eines zeigt von Weitem, wie aus der Masse weißer Rauch aufsteigt und Sekunden später eine starke Detonation erfolgt.

Ein zweites Video zeigt die Szene genauer: Auf dem Film ist zu sehen, wie Polizisten Demoteilnehmern Transparente abnehmen. Die Stimmung ist aufgeheizt. Es gibt zunächst zwei Knallgeräusche, auf die weißer Rauch folgt. Mit deutlicher Wucht und erkennbarem Funkenschlag folgt dann am linken Vorderreifen eines am Seitenrand parkenden Autos eine starke Detonation. Einzelne Splitter fliegen durch den Rauch. Ob es sich dabei um Plastiksplitter des Autos oder um andere Kleinteile handelt, ist auf dem Video nicht zu erkennen. Auch die Frage, um welche Art von Sprengsatz es sich handeln könnte, lässt sich anhand des Videos nicht eindeutig beantworten.

Zwei von insgesamt 12 verletzten Beamten mussten operiert werden. Ihnen seien Splitter aus den Beinen entfernt worden, die bis zu sechs Zentimeter ins Fleisch gedrungen waren, sagte Glietsch. Bei den Splittern könne es sich um Verpackungsmaterial des Sprengsatzes gehandelt haben. Die Polizisten sollen am Dienstag aus dem Krankenhaus entlassen werden.

Noch am Samstag waren drei Tatverdächtige im Alter von 21, 21 und 33 Jahren festgenommen wurden. Sie wurden in derselben Nacht wieder freigelassen. Zivilbeamte hatten sich den Männern an die Fersen geheftet, weil sie sich unmittelbar nach der Detonation des Sprengsatzes "anders verhielten" als die übrigen Demonstranten, sagte Glietsch zur taz. Bei einer Durchsuchung ihrer Wohnungen seien "große Mengen pyrotechnisches Material" sichergestellt worden.

Das Ergebnis der Analyse liege noch nicht vor. Die drei Männer würden weiterhin als Verdächtige gelten, ein dringender Tatverdacht bestehe aber nicht. Ob der Sprengsatz der Bauanleitung entspricht, die in einer linksradikalen Szenezeitung veröffentlicht worden war, so Glietsch, könne man erst sagen, wenn die Untersuchungen abgeschlossen seien.

Denkbar ist auch, dass der Sprengsatz aus der Ferne gezündet wurde. AlleHorrordings müssten dann Überreste einer technischen Zündvorrichtung gefunden worden sein. Davon teilte die Polizei nichts mit. In linken Internetportalen wird vermutet, dass auf der Torstraße ein "Horror-Knall" explodiert ist. Das ist eine extrem laute Rakete, die in der Schweiz hergestellt und verkauft wird, aber in Deutschland nicht zugelassen ist. Toni Bussmann, Inhaber der Schweizer Firma Bugano, die den "Horror-Knall" herstellt, hält dies jedoch für "absolut unmöglich".

Wenn bei der Demonstration ein "Horror-Knall" gezündet worden wäre, wäre ein viel größerer Schaden entstanden, sagte Bussmann der taz, nachdem er Videos des Vorfalls im Internet angesehen hat. "Mit einem Horror-Knall können Sie eine Telefonzelle zerstören." Bussmann vermutet eher, dass ein Bodenknaller wie die italienische "Cobra" gezündet wurde. Auch die habe noch etwa doppelt so viel Sprengstoff wie in Deutschland zugelassenes Feuerwerk.

Alle im Berliner Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien verurteilten den Anschlag in einer gemeinsamen Erklärung. Auch in der linksautonomen Szene stößt der Vorfall auf Ablehnung. Für diese Demonstration und zu diesem Zeitpunkt sei die Aktion "sicher nicht das richtige Mittel gewesen", sagte ein Aktivist.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de